140 Jahre Deutsche Einheit

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Von Dr. Waldis Greiselis

1. Der Traum von der Einheit

Die Große Französische Revolution von 1789 hatte nicht nur unter dem Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ die Volkssouveränität zum Grundprinzip des Staates erhoben, sondern in ihrem Gefolge auch eine politische Bewegung ausgelöst, die für einundeinhalb Jahrhunderte das politische Geschehen Europas wesentlich bestimmte: das Nationalbewusstsein, gesteigert zum Nationalismus. Die Menschen eines Volkes wollten und sollten als eine Nation ihren Nationalstaat bilden, dessen Größe und Macht bestimmende Faktoren politischen Denkens und Handelns wurden. Die Franzosen hatten bereits ihren Nationalstaat, die Deutschen und die Italiener strebten danach.

In der staatlichen Zersplitterung der Deutschen im 1806 aufgelösten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation sahen viele Menschen zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Grund für ihre Unterwerfung unter die Herrschaft Napoleons. Folgerichtig sollte aus den Befreiungskriegen 1813-15, an denen in nationaler Aufbruchsstimmung nach und nach alle deutschen Staaten teilnahmen, ein gemeinsames Reich aller Deutschen entstehen – vorerst ein Traum, der vor allem im Bürgertum und in der studentischen Jugend eine breite Anhängerschaft fand.

Die politische Wirklichkeit sah anders aus: Im Zuge der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress 1814/15 entstanden im geographisch-historischen Raum Deutschland 37 souveräne Einzelstaaten, Fürstentümer und Freie Städte, die im Deutschen Bund (einem Staatenbund, nicht einem Bundesstaat) lose zusammengeschlossen waren. Der Bundestag mit Sitz in Frankfurt/M. war keine Volksvertretung, sondern ein Gremium der Gesandten der einzelnen Staaten. Die Menschen besaßen zwar seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert die persönliche Freiheit, aber nur sehr geringe politische Mitwirkungsrechte im Staat – nur in wenigen deutschen Ländern gab es Verfassungen. Als Staatsprinzip galt weiter die absolute Fürstensouveränität. Forderungen der Bürger nach nationaler Einheit und weitergehender politischer Mitbestimmung galten als revolutionär und wurden unterdrückt.

Diese Forderungen fanden in wichtigen Ereignissen der folgenden Jahre des sog. Vormärz ihren Ausdruck:

1817 Wartburgfest der studentischen Burschenschaften,
1830 Aufstände in Braunschweig, Hannover, Kurhessen und Sachsen,
1832 Hambacher Fest der süddeutschen Liberalen,
1833 Sturm auf die Frankfurter Hauptwache.

 

Symbol der Forderungen nach Einheit und Freiheit waren die Farben Schwarz-Rot-Gold, abgeleitet von den Uniformen des Lützowschen Freikorps in den Befreiungskriegen. Diesem Streben nach Einheit und Freiheit für die Deutschen verlieh August Heinrich Hoffmann v. Fallersleben mit dem am 26.08.1841 auf der damals britischen Insel Helgoland gedichteten „Lied der Deutschen“ Ausdruck, dessen erste Strophe „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“ häufig missdeutet wurde, aber in der dritten Strophe das politische Anliegen klar zum Ausdruck brachte: „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland„.

Wenn auch die politische Einheit zunächst noch stagnierte, so gab es einen Vorboten bei der wirtschaftlichen Einigung: Am 01.01.1834 trat der Deutsche Zollverein, der unter Führung Preußens immerhin 18 Staaten umfasste und dem später die meisten anderen beitraten, in Kraft. Die Zollschranken zwischen den Mitgliedsstaaten fielen. Friedrich List entwarf ein „allgemeines deutsches Eisenbahn-System„, um dem freien Warenverkehr die notwendigen Transportwege zu schaffen: 1835 fuhr die erste Eisenbahn zwischen Fürth und Nürnberg, und 1839 wurde die erste Fernverbindung von Dresden nach Leipzig in Betrieb genommen. Lokomotiven beförderten Menschen und Waren und förderten zugleich den Gedanken der nationalen Einheit dieser Menschen.

2. Der gescheiterte Versuch der Verwirklichung der Einheit

Eine Verschlechterung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im deutschen Raum führte in der Mitte der 40er Jahre zur Politisierung breiter Volksschichten und zur Entstehung eines revolutionären Potentials. Das Offenburger Programm vom 12.09.1847 und die Forderungen der Heppenheimer Versammlung vom 10.10.1847, die Bürgerrechte und politische Mitwirkung verlangten, waren Zeichen politischen Aufbruchs.

Initiiert von der Februarrevolution 1848 in Frankreich brachen im März in den meisten deutschen Staaten Aufstände aus, die nach erfolglosen Versuchen, sie mit militärischen Mitteln zu unterdrücken, rasch zur Entlassung der bisherigen reaktionär-konservativen Regierungen und zur Bildung neuer liberaler Ministerkabinette führten. Freiheitliche Verfassungen und damit Bürgerrechte wurden gewährt.

Mit der Wahl einer Deutschen Nationalversammlung Ende April 1848 (wahlberechtigt waren nur Männer), die am 18. Mai in der Frankfurter Paulskirche zusammentrat, schien die Einigung der Deutschen vom Volk her, aber unter Beibehaltung einer monarchischen Staatsform, Wirklichkeit zu werden – radikal-republikanische Versuche, wie der Heckerzug im April oder Struves „deutsche soziale Republik im September, scheiterten schon im Ansatz.

Eine provisorische Reichsregierung mit dem populären Erzherzog Johann von Österreich als Reichsverweser an der Spitze wurde ernannt, doch sie besaß keinerlei Machtmittel, um ihre Autorität und ihre politischen Beschlüsse durchzusetzen. In der Nationalversammlung fielen Ende 1848/Anfang 1849 nach monatelangen Debatten drei wichtige Entscheidungen:

Am 27.12.1848 wurden die „Grundrechte des deutschen Volkes“ verkündet.
Am 27.03.1849 wurde die Reichsverfassung verabschiedet.
Am 28.03.1849 wurde der preußische König Friedrich Wilhelm IV. zum „Kaiser der Deutschen“ gewählt – das künftige Deutsche Reich sollte als „kleindeutsche Lösung“ ohne Österreich entstehen.

 

Der preußische König wies jedoch eine von der Volkssouveränität legitimierte Kaiserkrone am 03.04.1849 zurück, und obwohl 28 deutsche Staaten, darunter auch das Großherzogtum Baden, die Reichsverfassung anerkannt hatten, lehnten die wichtigsten – die Königreiche Preußen, Sachsen und Bayern – sie ab. Damit waren das Verfassungswerk und die Reichseinigung gescheitert.

Aus Enttäuschung über dieses Scheitern kam es im Mai 1849 in Sachsen, Baden und in der bayerischen Pfalz zu neuen Aufständen, die aber durch Einsatz von Militär zerschlagen wurden. Die liberalen Errungenschaften des Jahres 1848 wurden weitgehend zurückgenommen – die faktisch unbegrenzte Souveränität der Fürsten wurde wieder Staatsprinzip, eine Zensur schränkte die Meinungs- und Pressefreiheit ein, Mitstreiter der Revolution wurden verurteilt, politisch verdächtige Vereine verboten. Zehntausende Deutscher verließen die Heimat und wanderten in die Schweiz, nach England und vor allem in die USA aus.

Nach einer Phase der lähmenden Enttäuschung wurde der Einigungsgedanke Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts neu belebt. Neue Vereine schrieben das Ziel der nationalen Einheit der Deutschen auf ihre Fahnen: 1859 der Nationalverein, 1862 der Reformverein, in Coburg wurden der Deutsche Turnerbund, der Deutsche Sängerbund und der Deutsche Schützenbund gegründet. Aus dem Scheitern des Paulskirchenparlaments zog die Mehrheit des deutschen Bürgertums die Erkenntnis, dass die nationale Einheit nicht gegen die Fürsten, sondern nur im Bunde mit der traditionellen monarchischen Staatsordnung zu verwirklichen sei, zumal 1861 die Italiener unter Führung des Königreiches Sardinien-Piemont ihre staatliche Einheit erreichten. Damit wurde im politischen Bewusstsein weiter Teile der Bevölkerung die Einigung unter preußischer Führung im Zuge der erfolgreichen Machtpolitik Bismarcks – wenn nur ein Mindestmaß an politischen Freiheitsrechten gewährleistet würde – vorbereitet. Liberales und nationales Denken verbündeten sich.

3. Reichseinigungskriege und Gründung des Deutschen Kaiserreichs

Die Regierungsübernahme in Preußen Anfang Januar 1861 durch den bisherigen Prinzregenten Wilhelm beflügelte die Erwartungen vieler Deutscher: Er berief ein neues liberal-konservatives Ministerkabinett und kündigte umfangreiche Reformen an. Doch die Hoffnungen der Liberalen wurden zunächst durch den Konflikt um die Heeresreorganisation in Preußen enttäuscht, erst recht als der am 24.09.1862 zum Ministerpräsidenten berufene Otto von Bismarck unter Bruch der Verfassung ohne einen vom Abgeordnetenhaus genehmigten Haushalt regierte.

1864 wurde im Deutsch-Dänischen Krieg, in dem die nationalen Leidenschaften in allen deutschen Ländern heftig entflammten, eine Angliederung der Elbherzogtümer Schleswig und Holstein an Dänemark verhindert. Die reorganisierte preußische Armee bewährte sich auf dem Schlachtfeld.

1866 wurde im Deutschen Krieg die Frage der Führungsrolle bei einer künftigen Einigung Deutschlands zwischen Preußen und Österreich entschieden: Die preußische Armee siegte in der Entscheidungsschlacht bei Königgrätz am 3. Juli. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst, die deutschen Länder nördlich der Mainlinie unter preußischer Führung im Norddeutschen Bund vereinigt, die süddeutschen Staaten durch Schutz- und Trutzverträge an Preußen gebunden und Österreich machtpolitisch nach Südosteuropa gelenkt.

Angesichts der sich nunmehr abzeichnenden Einigung Deutschlands unter preußischer Führung akzeptierte von da ab die Mehrheit der liberalen Bewegung die Machtpolitik Bismarcks: Das nationale Ziel der Einheit hatte Vorrang vor der Verwirklichung liberaler Freiheitsrechte.

Als Anfang 1870 Spanien dem Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen die vakante spanische Königskrone anbot, ging eine breite nationalistische Empörungswelle durch Frankreich: Wie einstmals die drohende habsburgische Umklammerung, so sahen jetzt viele Franzosen die Gefahr einer Einkreisung durch die Hohenzollern. Hinzu kam, dass der französische Kaiser Napoleon III. nach mehreren außenpolitischen Misserfolgen und gleichzeitigem Machtzuwachs Preußens einen Prestigegewinn suchte. Obwohl Prinz Leopold nach Kriegsdrohungen aus Frankreich seine Thronkandidatur zurückzog, wollte die französische Staatsführung aus dem Vorgang eine politische Niederlage für Preußen herbeiführen. Der französische Botschafter in Berlin stellte den preußischen König Wilhelm I., der zur Kur in Bad Ems weilte, auf der Kurpromenade und verlangte von ihm eine Zusicherung, niemals mehr eine solche Thronkandidatur zu unterstützen. Wilhelm I. lehnte dies ab und informierte seinen Ministerpräsidenten v. Bismarck in einem Telegramm über das französische Ansinnen. Bismarck kürzte das Telegramm („Emser Depesche„) und ließ es veröffentlichen: Dadurch wurde die Ablehnung der französischen Forderung schärfer akzentuiert, und aus der beabsichtigten Demütigung Preußens wurde eine politisch-psychologische Niederlage Frankreichs. Der chauvinistische Mob in Paris tobte, und am 19.07.1870 erklärte Frankreich an Preußen den Krieg.

In nationaler Begeisterung standen die süddeutschen Staaten zu ihren Bündnisverpflichtungen. Dank genauer Planungen durch den preußischen Generalstab und der Nutzung von Eisenbahnlinien für den Aufmarsch rückten die deutschen Truppen rasch nach Frankreich vor. Nach ersten für die deutsche Seite erfolgreichen Schlachten musste am 02.09.1870 bei Sedan eine eingeschlossene französische Armee mit Kaiser Napoleon III. kapitulieren: Der Sedantag war danach im Deutschen Kaiserreich ein bedeutender Feiertag. Dieser Sieg brachte nicht das Ende des Krieges, aber eine wichtige politische Folge: In Paris wurde die Republik ausgerufen, was ein eventuelles Eingreifen Österreichs und Italiens in den Konflikt verhinderte, weil die Herrscher beider Staaten nicht den Sturz einer Monarchie unterstützen wollten.

Bereits am 19. September wurde Paris eingeschlossen, doch die französische Republik mobilisierte immer neue Truppen, so dass die Kämpfe sich noch über Monate hinzogen, bis nach schwerem Artilleriebeschuss die Hauptstadt am 28.01.1871 kapitulierte und zugleich ein Waffenstillstand abgeschlossen wurde.

Am 10.05.1871 wurde in Frankfurt/M. der Friedensvertrag unterzeichnet, in dem die Abtretung von Elsass-Lothringen und eine Kriegsentschädigung von fünf Milliarden Goldfrancs an das Deutsche Reich festgelegt wurde.

Noch während der Kampfhandlungen wurde nach zähen Verhandlungen Bismarcks mit den süddeutschen Staaten am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses zu Versailles von den deutschen Fürsten und den Freien Städten das Deutsche Kaiserreich proklamiert. Die deutschen Fürsten bzw. Staaten verzichteten auf Teile ihrer Souveränität und traten Rechte an das Reich ab. Das Reich war ein Bund der Fürsten und basierte nicht auf der Volkssouveränität. Dennoch: Aus dem Traum der Befreiungskriege war endlich Wirklichkeit geworden. Die breite nationale Begeisterung des Volkes für das neu gewonnene Reich überdeckte allerdings nur die tiefen inneren Gegensätze im Bündnis Bismarcks mit der liberalen und nationalen Bewegung.

Uniformen beherrschten das Bild des Staatsaktes im Versailler Schloss: Im Verständnis der Zeit und der Nachwelt war die Einheit Deutschlands auf Schlachtfeldern erkämpft worden – ein wichtiger Faktor für die herausragende Rolle und das Ansehen des Militärs im neuen Deutschen Reich.

4. Das Reich: Verfassung, Außen- und Innenpolitik

Die von Bismarck vorbereitete Reichsverfassung war auf ihn zugeschnitten. Das Deutsche Reich war ein föderalistischer Bundesstaat von 25 Ländern sehr unterschiedlicher Größe und dem Reichsland Elsass-Lothringen. Oberhaupt des Reiches war der Kaiser, in Personalunion zugleich König von Preußen, die Dominanz Preußens blieb gewährleistet. Der preußische Ministerpräsident übernahm auch das Amt des Reichskanzlers, dem die von Staatssekretären geleiteten Reichsämter nachgeordnet waren (Reichsregierung). Der preußische Kriegsminister war – ohne die entsprechende Amtsbezeichnung – auch „Reichskriegsminister“, alle deutschen Truppen unterstanden dem Oberbefehl des Kaisers (die bayerischen erst im Kriegsfall, zuvor hatte der Kaiser nur das Inspektionsrecht, um eine einheitliche Ausbildung zu gewährleisten).

In der Verfassung fehlte eine Festschreibung der Grundrechte der Bürger. Die Vertretung des Volkes war der Reichstag, der in allgemeiner, gleicher, geheimer und direkter Wahl von allen männlichen Bürgern des Reiches nach dem Prinzip des Mehrheitswahlrechts gewählt wurde. Er hatte das Gesetzgebungsrecht, einschließlich der Bewilligung des Haushalts, jedoch keine direkte Möglichkeit, auf die Politik des Reiches einzuwirken, denn der Reichskanzler war ausschließlich vom Vertrauen des Kaisers abhängig. Im Laufe der Jahrzehnte wurden aber zunehmend politische Sachverhalte im Reichstag debattiert. Die Volksvertretung gewann an Gewicht. Der Bundesrat als Vertretung der deutschen Bundesstaaten war unter dem Vorsitz des Reichskanzlers zwar formell oberstes Regierungsorgan des Reiches, trat aber tatsächlich in seiner Bedeutung hinter dem Kaiser und dem Reichskanzler zurück. Von den insgesamt 58 Bundesratsstimmen verfügte Preußen als das bevölkerungs- und flächenmäßig größte Land über 17 Stimmen.

In der Tradition der preußischen Militärmonarchie stand die Armee des Reiches, auf den Kaiser vereidigt, außerhalb der zivilen Reichsinstitutionen. Es gab keinen Primat der Politik – die politische und die militärische Gewalt vereinigten sich in der Person des Kaisers.

Das Reich bestimmte die Außenpolitik und besaß das Gesetzgebungsrecht vor allem für das Straf- und Zivilrecht, für Handel und Zoll, für das Münzwesen und die Festsetzung von Maßen und Gewichten, für das Verkehrs- und Informationswesen u.a. Die Länder waren zuständig für die Rechtsprechung, für Bildung, Gesundheits- und Polizeiwesen und für die Steuererhebung, mussten aber die Post- und Zolleinnahmen an das Reich abführen.

Die Außenpolitik des Reiches wurde in den ersten 20 Jahren maßgeblich vom Reichskanzler Fürst Bismarck bestimmt. Sein Hauptziel war, das Deutsche Reich als neues Machtzentrum in der Mitte des Kontinents in das europäische Mächtesystem als stabilisierende Größe einzuordnen. Immer wieder betonte er, dass das Reich „saturiert“ sei, also keinerlei territoriale Forderungen an die Nachbarn stellen werde. Dabei ging er von einer Konstante in der europäischen Politik aus: der Gegnerschaft zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich, denn Frankreich wollte seine verlorenen Provinzen Elsass und Lothringen zurückgewinnen. Das bedeutete für Bismarck: Frankreich politisch isolieren und dem Reich Verbündete gewinnen. Aus dieser politischen Lagebeurteilung entstand sein Bündnissystem, das während seiner Kanzlerschaft bis 1890 das Reich sicherte, dann aber unter seinen überforderten Nachfolgern allmählich zerbrach und schließlich zur „Einkreisung“ des Reiches durch gegnerische Koalitionen führte.

Bismarcks Bündnissystem bestand aus den folgenden Verträgen:

1872 Dreikaiserbund der konservativen Mächte Deutsches Reich – Österreich-Ungarn – Russland
1879 Zweibund Deutsches Reich – Österreich-Ungarn
1881 Neutralitätsabkommen Deutschland – Österreich – Russland
1882 Beitritt Italiens zum Zweibund
1887 Rückversicherungsvertrag Deutschland – Russland

 

Die große Mehrheit der Deutschen hat 1871 die Reichseinigung begeistert begrüßt. Doch dieses Reich blieb trotz Verfassung ein „unvollendeter Verfassungsstaat„, denn eine politische Mitwirkung des Volkes war nur eingeschränkt gegeben. Tatsächlich regierte ein Mann, der Reichskanzler, getragen vom Vertrauen des Kaisers.

Gesellschaftspolitisch dominierten weiter die konservativen Führungseliten, denn die innere Ordnung des Reiches war nicht auf Veränderung, sondern auf die Bewahrung der tradierten Verhältnisse gerichtet. Tatsächlich vollzog sich aber in der Gesellschaft eine tiefgreifende Wandlung von der agrarischen zur industriellen Gesellschaft. Rasantes Wachstum der Industrie und des Bergbaus ließ eine neue Gesellschaftsschicht, die Industriearbeiterschaft – oder als Kampfbegriff das Proletariat -, entstehen. Mangelhafte Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterschaft in den neuen großen Ballungsräumen (Ruhrgebiet, Oberschlesien, sächsisches Industriegebiet) führten zum Entstehen der sozialistischen Bewegung, die auf der Grundlage der Staats-, Gesellschafts- und Wirtschaftsanalyse von Karl Marx den monarchischen Obrigkeitsstaat scharf ablehnte. Bismarcks staatliche Sozialpolitik – Kranken-, Invaliden-, Alters- und Hinterbliebenenversorgung – war zwar weltweit vorbildlich, führte aber nicht zu der von ihm angestrebten Integration der Arbeiterschaft in die konservative Staats- und Gesellschaftsordnung. Der Versuch, mit dem Sozialistengesetz ab 1878 die sozialistische Bewegung zu unterdrücken, scheiterte. Sie wuchs zu einer starken politischen Kraft auf, rückte aber zugleich mehrheitlich von der Vorstellung einer revolutionären Veränderung der bestehenden Verhältnisse ab.

Kurz nach der Reichsgründung kam es zu langjährigen Auseinandersetzungen mit der katholischen Kirche, dem „Kulturkampf„: Kirchliche Ablehnung liberaler und fortschrittlicher Gedanken, päpstliches Unfehlbarkeitsdogma, Ausschaltung des kirchlichen Einflusses auf das Schulwesen, staatliche Eingriffe in kirchliche Stellenbesetzungen, Verhaftung zahlreicher Geistlicher, die staatliche Forderungen nicht erfüllten, Verbot und Ausweisung des Jesuitenordens führten dazu, dass große Teile der katholischen Bevölkerung des Reiches sich kritisch bis ablehnend zum neuen Reich stellten. Sammelbecken des politischen Katholizismus wurde die Zentrumspartei.

Ein weiteres Problem des neuen Reiches waren die nationalen Minderheiten. Statt kultureller Autonomie wurde ihre Integration mit administrativen Mitteln zu erzwingen versucht: In den polnisch bzw. dänisch sprechenden Gebieten Preußens und Nordschleswigs wurde in den 70er Jahren Deutsch als alleinige Amts- und Unterrichtssprache festgelegt. Die ethnischen Minderheiten empfanden das als Unterdrückung ihrer jahrhundertealten eigenständigen Identität. Selbst die mehrheitlich deutsch sprechenden Elsässer und Lothringer fühlten sich häufig als Bürger des „Reichslandes“ als Deutsche „zweiter Kategorie“.

So barg das neue Deutsche Reich Konfliktherde in sich, die der Lösungen harrten, aber meistens bis zum Ende des Kaiserreichs 1918 ungelöst blieben.

5. Bewahrung, Verlust und Wiedergewinnung der deutschen Einheit

Die Niederlage im I. Weltkrieg (1914-1918) und der Sturz der Monarchie brachten zwar durch den Versailler Friedensvertrag den Verlust von rd. 73500 km² des Reichsterritoriums und von 8 ½ Millionen Einwohnern, doch die Einheit des Staates blieb erhalten. Der von Deutsch-Österreich gewünschte Anschluss an das Deutsche Reich wurde von den Siegermächten des Krieges untersagt.

Eine Nationalversammlung, bei deren Wahl 1919 erstmals auch Frauen stimmberechtigt waren und die in Weimer tagte – daher der Name Weimarer Republik -, gab dem Reich eine neue Verfassung als parlamentarisch-demokratische Republik auf der Grundlage der Volkssouveränität. Nunmehr wurden auch die Grundrechte der Bürger in der Verfassung verankert. Doch die Hypothek des verlorenen Krieges, drückende Reparationslasten, eine verheerende Inflation und eine 1929 ausbrechende Weltwirtschaftskrise führten zu politischer Instabilität. Die Republik vermochte nicht, im politischen Bewusstsein großer Teile der Bevölkerung Wurzeln zu schlagen. Als Anfang der 30er Jahre die Massenarbeitslosigkeit zu zunehmender Verelendung breiter Schichten des Volkes führte, gewannen extreme politische Parteien – die Nationalsozialisten und die Kommunisten – immer mehr Anhänger: Schließlich verfügten jene Parteien, die die Republik ablehnten, im Reichstag über die absolute Mehrheit – der bis dahin freiheitlichste Staat der deutschen Geschichte, die Republik ohne Republikaner, war gescheitert. Am 30.01.1933 ernannte Reichspräsident v. Hindenburg den Führer der NSDAP Adolf Hitler zum Reichskanzler. Am 23.03.1933 stimmte ein neu gewählter Reichstag dem Ermächtigungsgesetz zu, das die Verfassung faktisch außer Kraft setzte – der Weg zur nationalsozialistischen Willkür- und Terrorherrschaft war geöffnet.

Das nationalsozialistische „Dritte Reich“ schuf zwar durch die Angliederung Österreichs, des Sudetenlandes, ehemaliger preußischer Ostgebiete und anderer 1918/19 verlorener Territorien ein „Großdeutsches Reich„, doch diesem war eine nur kurze Lebensdauer beschieden. Im Ergebnis der bedingungslosen Kapitulation am Ende des II. Weltkrieges (1939-1945) ging auch die Einheit Deutschlands verloren.

Das Deutsche Reich wurde in vier Besatzungszonen, die Hauptstadt Berlin in vier Sektoren aufgeteilt, Ostpreußen, Schlesien und Hinterpommern vom deutschen Staatsgebiet abgetrennt. Unter den politischen Gegebenheiten des weltweiten West-Ost-Gegensatzes entstanden 1949 unter den Schirmen der Besatzungsmächte zwei deutsche Staaten: aus den amerikanischen, britischen und französischen Zonen die Bundesrepublik Deutschland, deren Staats-, Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung nach Vorbildern der westlichen Demokratien gestaltet wurde, und aus der sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik (DDR) als totalitärer Staat unter der Diktatur der kommunistischen Partei, der SED. Die provisorische Verfassung der Bundesrepublik, das Grundgesetz, hielt trotz der tatsächlichen Teilung des Landes in der Präambel am Ziel der Wiederherstellung der Einheit fest: „Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“ Beide deutschen Staaten waren in die militärischen Vertragsorganisationen der jeweiligen Blöcke integriert, die Bundesrepublik in der NATO, die DDR im Warschauer Pakt.

Am Ende der 80er Jahre zeigten sich im sowjetischen Machtbereich deutliche Erosionserscheinungen, die Forderungen nach Freiheit ließen sich nicht mehr unterdrücken. Diese Bewegung erfasste auch die DDR: In machtvollen, aber friedlichen Demonstrationen verlangten Hunderttausende Menschen das Ende der Diktatur, aber auch immer deutlicher die Wiederherstellung der Einheit („Wir sind ein Volk!„). Als die 1961 errichtete Mauer in Berlin am 09.11.1989 fiel und die innerdeutsche Grenze geöffnet wurde, war der Weg zur Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands beschritten. In Verhandlungen auf verschiedenen politischen Ebenen wurde die Stellung einer künftig größeren Bundesrepublik vorbereitet.

Im Einvernehmen mit den vier Hauptsiegermächten des Zweiten Weltkrieges wurde dann am 3. Oktober 1990 der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland vollzogen – die deutsche Einheit war wiedergewonnen.

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