Stettfeld – Versuch einer Darstellung des (wirtschaftlichen) Lebens in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts

Von Günter Meier

Stettfeld1 1952Die Überschrift verspricht viel, kann indes verständlicherweise nur das wiedergeben, was der Schreiber dieser Zeilen selbst empfunden und erlebt hat. Sie, liebe Leserin und lieber Leser, sollen durch diesen Text ermutigt werden, Ihre eigenen Feststellungen, Erlebnisse – kurzum – Ihr Wissen von und aus dieser Zeit an dieser Stelle niederzuschreiben und aus diesem Text gewissermaßen eine „never ending story“ zu machen. Wie fängt man eine solche Darstellung am geschicktesten an? Vielleicht in dem wir einfach durch die Straßen gehen und schildern, wer, wo, was gemacht hat.

Schulstraße 1957Beginnen wir am südlichen Ortsausgang, also von Ubstadt her kommend und arbeiten uns durch die damalige Hauptstraße (Bundesstraße 3). Rechter Hand steht das Wohnhaus eines Baumeisters, der für einige markante Gebäude von Stettfeld verantwortlich zeichnete. Wenige Schritte weiter links ein Lebensmittelgeschäft. Kurz danach auf der rechten Seite der damals größte Arbeitgeber von Stettfeld, die „Zigarrefawwarik“ (in einer ehemaligen Gastwirtschaft). Ihr schloss sich eine Tankstelle an, die zwar weniger vom Benzinverkauf als vielmehr vom Verkauf von Fahrrädern und deren Reparatur lebte. Schräg über die B 3 weg, an der Ecke der Einmündung zur Römerstraße ein weiteres Lebensmittelgeschäft, dem ein Textilgeschäft angeschlossen war. Bleiben wir auf der linken Seite der Straße, wo ein Malermeister sein Geschäft hatte. Ein weiterer kam etwas später im Rosenberg hinzu. Ihm schräg gegenüber übte ein Blechner sein Handwerk aus. Wir kommen zur Einmündung der Bergstraße. Südlich der Einmündung befand sich die Post, nördlich davon war ein Elektromeister ansässig, der dafür sorgte, dass die Lichter im Ort nicht ausgingen. Man bekam dort u.a. Glühbirnen und Sicherungen. Bleiben wir kurz in der Bergstraße. Neben dem Elektromeister verrichtete ein Wagner sein Handwerk, der besonders bei den Kindern in hohem Ansehen stand, drechselte er ihnen gelegentlich „so mal nebenbei“ einen „Tanzknopf“.Gaststätten Krone und Ritter Im übernächsten Haus ging ein Küfer seinem Handwerk nach, ihm schräg gegenüber schlachtete ein Metzgermeister. Verlassen wir die Bergstraße und kehren zur Hauptstraße zurück. Neben dem oben erwähnten Elektromeister beginnt das „Stettfelder Wirtschaftsviertel“. Die erste Wirtschaft war oder ist der „Adler“, der auch ein Fremdenzimmer vorhielt. Ihm folgte ebenfalls auf der rechten Seite der „Löwen“, an den nur noch ein Denkmal erinnert. Weil wir schon mal in der Löwengasse sind: in einem Privathaus war die Kassenstube der Raiffeisenkasse Stettfeld. Zurück auf der Hauptstraße, Ecke Weiherer Straße (heute Lußhardtstraße) konnten sich die Stettfelder mit Haushalts- und Eisenwaren eindecken, daneben war der Inhaber Blechner und Installateur. Diesem Geschäft gegenüber war ein Cafe mit einem Lebensmittelgeschäft gelegen. Daneben die „Krone“, gefolgt vom „Ritter“ (mit Metzgerei). Über die Straße weg, eine Bäckerei mit Lebensmittelgeschäft. Rechts daneben ein Handel mit Saatgut, Kunstdünger und Spritzmittel. Die B 3 weiter auf der rechten Seite betrieb ein Schmied sein Handwerk. Einen Gutteil seiner Einkünfte erzielte er mit dem Zeuternerstraße 1957Beschlagen von Kühen (die oft nicht nur als Milchproduzenten, sondern auch als Zugtiere verwendet wurden) und Pferden. Über den Katzbach weg sieht man eine neue Tankstelle, da man immer mehr Autos auf der B 3 sah. Und nie vergessen werde ich den Augenblick, als ich die erste Frau am Steuer eines Autos erblickte. Bis dato war ich nämlich davon ausgegangen, dass nur Männer Autos steuern. Übrigens: In Stettfeld waren damals zwei Autos: der Eigner der oben erwähnten Tankstelle und ein Schreiner. Und am nördlichen Ortsende residierte der „Viechdokter“; einen Humanmediziner hatte Stettfeld noch nicht.

JosefshausGehen wir in die Seitenstraßen. In der Bergstraße waren wir bereits, ihr gegenüber zweigt die Talstraße von der B 3 ab. Dort war an der Ecke zur Römerstraße das „Milichheisle“, also die Sammelstelle, bei der die Bauern die erzeugte Milch abliefern konnten. In Rufweite dieses Hauses war das 1927 erbaute „Josefshaus“, in der drei Schwestern aus Gengenbach (Franziskanerinnen) wirkten: Die „Kinnerschulschwester“, die Nähschwester und – ohne die Arbeit der anderen beiden schmälern zu wollen – die wichtige Krankenschwester. Die „Kinnerschul“ war gleichsam die „gute Stube“ von Stettfeld. Der Raum, in dem die Kinder spielten, konnte durch das Hochziehen von großen Rollläden zu einem Festsaal vergrößert werden, in denen die örtlichen Vereine ihre beliebten Theaterstücke aufführen konnten, in der eine Bruchsaler Tanzschule ihre Kursabende abhielt (natürlich mit dem einen Kurs abschließenden „Donzkrenzle“), Patres aus dem Paulusheim ihre Dias zeigten, um nur eine kleine Auswahl der Nutzungsmöglichkeiten zu nennen. Im Keller des Josefshauses war eine Schulküche, die auch vortrefflich geeignet war, das Essen für Hochzeiten und ähnliche Familienfeiern zuzubereiten. Bei der Nähschwester konnte Schwedenkreuzeman sich sonntags nach dem Sonntagsgottesdienst auch gegen eine kleine Gebühr Bücher ausleihen. Die Hauptaufgabe der Nähschwester bestand allerdings darin, den angehenden Hausfrauen in der Nähschule das Nähen beizubringen. Manches Sonntagsgewand wurde dort mit emsiger Nadel zusammengeheftet. Die Aufgabe der Krankenschwester bestand in der Betreuung und insbesondere der Erstversorgung von Kranken und Verletzten, denn ein Arzt musste erst von Weiher, Ubstadt, Langenbrücken oder Zeutern kommen bzw. herbeigerufen werden. Wenn man das ortsbekannte Fahrrad der Krankenschwester vor den Hoftor stehen sah, wusste man: do isch ebba kronk! Zahllosen Sterbenden hat die Krankenschwester die Augen zugedrückt, denn gestorben wurde im Allgemeinen nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause, wo auch der Verstorbene mangels Leichenhalle aufgebahrt war, um im Leichenzug später zum Friedhof überführt und dort beerdigt zu werden.

KirchgässlAber setzen wir unseren Streifzug durch Stettfeld in der nahegelegenen Weiherer Straße (Lußhardtstraße) fort. Den „Pfuhl“ abwärts treffen wir linker Hand auf einen kleinen Betrieb, der „Sodawasser“ herstellte. In der anderen Hälfte dieses Doppelhauses sorgte ein Schneider für das passende Outfit. Übers Haaggässle weg konnte man u.a. Futtermittel und um die Weihnachtszeit auch Christbäume erwerben. Schräg gegenüber bekam man den Kopf gewaschen: Ein Friseur mit seiner Frau bemühte sich um die Haartracht von Mann und Frau. Ach ja, dass im Pfuhl auch noch der Pfarrer mit seiner Haushälterin im Pfarrhaus residierten, sei nur nebenbei erwähnt. Gehen wir wieder zurück Richtung B3 ab Abzweigung Schulstraße. Links ein Radiogeschäft (?), schräg gegenüber ein Schreiner, gleichzeitig Bestatter, daneben ein Bäcker mit Lebensmittelladen.

Begeben wir uns zurück und biegen in den Schulstraße ein: gleich am Eck war eine Sammelstelle für Gurken u.ä.. Gegenüber war eine Schreinerei, die über einen alten „Kramer-Bulldog“ verfügte, der zum Holz sägen ins Haus kam. Weiter kommen wir rechts zu einem kleinen Lebensmittelgeschäft. Dort konnte man gewissermaßen alles bekommen, selbst „Erdeel“ (Petroleum) für die Stalllaternen. Die Inhaberin wurde übrigens am gleichen Tag und im gleichen Jahr wie der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer geboren. Sie betrieb ihren kleinen Laden bis ins hohe Alter. Im übernächsten Haus wohnte der Gärtner, der seine Gewächshäuser beim Friedhof hatte. Er war für das Fertigen von Kränzen für Beerdigungen zuständig, versorgte Altes Rat- und Schulhausaber auch mit seinem „Goliath“ die Bevölkerung mit Obst und Gemüse. Daneben eine Schnapsbrennerei. Natürlich war in der Schulstraße auch die Schule. Sie beherbergte neben drei Klassenzimmern für 8 Klassen die Wohnung des Schulleiters, die Gemeindekasse und das Rathaus, mit einer recht überschaubaren Anzahl an Bediensteten. Der Bürgermeister saß mit seinem Ratsschreiber und einer Schreibkraft in einem Zimmer, die Gemeindekasse war ein Stockwerk höher. Zeitweise war noch der Polizeidiener anwesend, so er nicht gerade „ausschellte“ (also durch die Straßen zog und allerlei Amtliches und Nichtamtliches durch Ausrufen verkündete. Später wurde ihm die Arbeit durch eine Ortsrufanlage erleichtert). Der Polizeidiener zog übrigens auch „im Wachlokal“ (bei der Kirche) das Stromgeld ein. Dem Schulhaus gegenüber bekamen die Herren die Haare geschnitten. In der Unteren Mühlstraße war, wie der Namen schon sagt, die „Untere Mühle“ (heute Baustoffhandlung), gegenüber arbeitete ein Schuster.

Eingang Friedhof ca. 1955Verlassen wir das Gebiet westlich der B 3 und gehen durch die Zeuterner Straße Richtung Zeutern. Als erstes begegnen wir einem Lederwarengeschäft, in dem man vom Peitschenriemen bis zum ledernen Schulranzen alles haben konnte. Gegenüber war eine Wäscherei mit richtiger Waschmaschine und Wäscheschleuder (anstatt – wie überwiegend üblich- Rubbeln mit den Händen und Trocknen auf der Leine). Auch Schnaps wurde dort gebrannt und „mosten“ konnte man dort auch. In einem Seitengässchen der Zeuterner Straße, dem „Almengässchen (richtig wohl Allmendgässchen), nähte ein Schneider. Ziemlich am Ende der Zeuterner Straße, auf der linken Seite ein Schuhgeschäft mit Kohlenhandlung. Gegenüber war das „Wiener Wegle“, an dem der gemeindeeigene „Fasselstall“ gelegen war. Und da es – wie oben beschrieben – eine untere Mühle gab, stand am oberen Lauf des Katzbachs die „Obere Mühle“ mit angeschlossener Dreschhalle. Etwa 150m Richtung Zeutern stand auch noch eine – etwas kleinere – zweite Dreschmaschine. Zu erwähnen wäre auch noch mindestens ein Hausmetzger, der in den Wintermonaten alle Hände voll zu tun hatte. Schließlich fiel mir auch noch die Hebamme ein, die mir geholfen hat, in Stettfeld zur Welt zu kommen, den Hausgeburten waren damals üblich.

MarcellusplatzSie sehen aus dieser Schilderung, dass der Ortsteil Stettfeld gewissermaßen wirtschaftlich autark war. Man musste nicht unbedingt mit dem „Nickel“ (= Busunternehmen aus Östringen) nach Bruchsal fahren (was übrigens für uns Kinder besonders im Busanhänger (heute unvorstellbar) ein ganz besonderes Erlebnis war), um einzukaufen. Alles war vor Ort. Übrigens: haben Sie einmal nachgezählt, wie viele Gastwirtschaften es in Stettfeld gab? Und das bei einer Einwohnerzahl die nicht einmal die Hälfte der heutigen betrug.

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