Die Weiherer Ritterstraße im Laufe des 20. Jahrhunderts

Von Ursula Hohl

Auf Einladung des Heimatvereins Ubstadt-Weiher hat sich zur Erforschung der Ritterstraße eine Arbeitsgruppe jetziger und ehemaliger „Rittersträßler“ im Oktober und November 2017 getroffen. Deren Ergebnisse sind in den nachfolgenden Bericht eingeflossen. Dass diese Erinnerungen an die Ritterstraße in Weiher nun für die nachfolgenden Generationen festgehalten werden können, dafür dankt der Heimatverein Ubstadt-Weiher allen, die mit Rat und Tat, mit Bildern und Recherchen dazu beigetragen haben. Besonderen Dank auch an die Vorbereitungsgruppe Toni Becker, Beate Harder, Gisela und Emil Machauer und Ulrich Sorg sowie unserer Ortsteilvertreterin von Weiher im Heimatverein Ubstadt-Weiher, Ursula Hohl, die die Arbeitsgruppe geleitet und den Bericht erstellt hat.

Erinnerungen an die Weiherer Ritterstraße im 20. Jahrhundert

Der Bericht beginnt mit den geraden Hausnummern (rechte Seite der Ritterstraße), danach geht es mit den ungeraden Hausnummern weiter:

Ritterstr. Nr. 10„Im Haus Nr. 10 wohnte Elisabeth Landkammer geb. Habich. Sie war von Anfang an beim Katholischen Altenwerk St. Nikolaus Weiher aktiv, davon von 1978 bis einschließlich 2009 dessen Leiterin. Das Haus (s. Foto rechts) zeigt die in der Ritterstraße früher typischen Häuser: einstöckig und mit dem Giebel zur Straße. Am Fenster vorne ist die Mutter von Elisabeth Landkammer, Anna Habich geb. Herzog zu sehen. Das kleine Mädchen am zweiten Fenster ist Elisabeth Landkammer.

Im Haus Nr. 14 wohnte der Viehhändler und Hausmetzger Nikolaus Herzog.

Ordensschwestern Salesia (links) und Isidora (rechts)Aus dem Haus Nr.16 stammen die Ordensschwestern Isidora (Luise Barth geboren 1929 rechts im Bild) und Salesia (Elisabeth Barth geboren 1928 links im Bild, Aufnahmejahr nicht bekannt). Beide gehören dem Orden der Franziskanerinnen vom Göttlichen Herzen Jesu in Gengenbach an. Sie wurden von ihrem Orden mit Führungsaufgaben betraut.

Im Haus Nr. 18 war früher die „Bäckerei Baron“. Von dort führte ein Durchgang zur Hauptstraße. Durch diesen konnten auch die Frauen von der Hauptstraße auf kurzem Wege ihr Brot und ihre großen Blechkuchen zum Backen in die Bäckerei Baron bringen. Der Bäckermeister war aus Hambrücken und verstarb 1932. Dessen Sohn Fritz Baron hatte später im Haus ein Frisörgeschäft nur für Männer. Nach dem Krieg hatte darin Hermann Herzog ein Malergeschäft. Die Entlohnung erfolgte meistens in Naturalien. Er war auch Hobbymaler, der insbesondere Tiere malte. Außerdem war er 1936 Mitbegründer des Kleintierzuchtvereins C305 Weiher. In dem Haus wohnte auch Sofie Stather (geb. 1898). Sie war eine der zwei Frauen, die nach dem Krieg für die „Schülerspeisung“ in Weiher zuständig waren.

Im Haus Nr. 24 wohnte Konrad Schäfer, welcher Hausmetzger und Viehhändler war.

In der Scheune der Ritterstraße Nr. 26 hatte Pius Lang seine Schreinerwerkstatt.

Im Haus Nr. 28 stand früher eine große Scheune. Daneben stand und steht auch heute noch ein kleines Häuschen. Darin wohnte der Feldschütz und Ziehbrunnenreiniger August Rottmann.

Ein Malergeschäft des Hermann Prestel befand sich im Haus Nr. 32.

Hilda Eisert geb. Gärtner („Sodawassers Hilda“) wohnte zwar in der Hirschstraße, aber der Verkauf des Sodawassers erfolgte vom Eingang der Ritterstraße. Das Sodawasser wurde in Langenbrücken mit dem Eselsgespann geholt, später mit einem dreirädrigen Lieferwagen. Es war der erste Sodawasserverkauf in Weiher. Bei den Kindern begehrt war auch das süße „grüne“ Waldmeister- und „rote“ Himbeersprudel.

Im Haus Nr. 3 befand sich ein Geschäft, das Wolle und Kurzwaren führte. Es gehörte Eduard Herzog und seiner Ehefrau Gertrude geb. Herzog.

Ritterstraße an FronleichnamDas Haus Nr. 5 wurde 1833 erbaut. Dies geht aus dem Einschätzungsverzeichnis der Badischen Gebäudeversicherungsanstalt hervor. Reinhard Holzer war seit März 1901 erster Vorstand vom Sängerbund Weiher, einer der Vorläufer vom heutigen Gesangverein 1876 e.V. Weiher. Reinhard Holzer war auch der erste Krautschneider in Weiher. Er ging mit seinem großen Krauthobel zu den Leuten und hat in deren Hof das Kraut gehobelt, da es in den Kellern noch kein Licht gab. Später hat sein Sohn Bernhard und dann dessen Tochter Lina Bader geb. Holzer („Krautschneiders Lina“) das Krautschneiden übernommen.

Am Haus Nr. 9 befindet sich ein Kleindenkmal, eine sogenannte Heiligennische. Eva Katharina Habich geb. Barth hat hier eine Madonna als Nischenheilige anbringen lassen zum Dank für die gesunde Rückkehr ihres Sohnes aus dem Krieg. Die Aufnahme zeigt die Ritterstraße an Fronleichnam. Aufnahmejahr ist nicht bekannt.

HolzschuhIm Haus Nr. 11 wohnte der Holzschuhmacher und Holzschnitzer Josef Becker („Becker-Seppl“). Das Foto zeigt ein von ihm hergestellter Holzschuh.

Ritterstr. Nr. 13Das ehemalige Haus Nr. 13, rechts im Bild, wurde 1961 abgerissen. Wann es erbaut wurde, ist nicht bekannt. Doch dürfte es zu den ältesten Häusern in der Ritterstraße zählen. Auf dem Bild ist zu sehen, von li. nach re.: Agnes Schmitt geb. Meister, Elise Herzog geb. Meister, Hermann, Alois, Joachim und Leonhard Meister sowie zwei Nachbarskinder. Aus dem Fenster schaut Rosa Walter. Im Haus Nr. 13 befindet sich heute ebenfalls ein Kleindenkmal. Die Nischenheilige stellt die Madonna mit Kind dar.

Im Haus Nr. 15 befindet sich das Gasthaus „Zum Ritter“. Aus einem Eintrag im Schatzungsbuch aus dem Jahre 1768 von Weiher ist zu ersehen, dass auf dieses Haus im Jahre 1805 die „ewige Schildgerechtigkeit Zum Ritter“ mit herrschaftlicher Einwilligung an Sebastian Holzer transferiert worden ist. Seit dieser Zeit ist das Gasthaus „Zum Ritter“ im Besitz der Familien Holzer: Sebastian, Johann Baptist, Ferdinand, Ferdinand III, Josef, Walter und der heutige Ritterwirt Wolfgang Holzer.

Ferdinand Holzer und seine Ehefrau Agnes geb. Becker haben 1886 das Wegekreuz am Reiterplatz errichten lassen. 1856 wurde Ferdinand Holzer als erster Weiherer in die Metzgerzunft (Amt Kislau) aufgenommen.

Die Jahreszahl 1793 im Wirtshausschild des Gasthauses „Zum Ritter“ geht wohl darauf zurück, dass am 26. Juni 1793 Frantz Michel Gärtner aus Weiher die Ritterschildgerechtigkeit von der Gemeinde erkauft hat. „Schildgerechtigkeit“ ist ein juristischer Begriff. Die Verwaltung hat mit diesem Begriff das Recht vergeben, eine Gastwirtschaft mittels eines Schildes kenntlich zu machen und als öffentliches Gewerbe im Ort zu betreiben.

In einer Anzeige aus dem Jahr 1927 warb Metzger und Wirt des Gasthauses „Zum Ritter“, Josef Holzer, mit „einer schattigen Gartenwirtschaft, Prima Weine, Vorzügliche Küche, ff. Eichbaum Bier, Eigene Schlachtung, Prima Hausmacherwurst“.

DJK-Elf vor Vereinslokal RitterFür Feuerwehr und Fußballverein war der Ritter die Vereinsgaststätte. Die Fußballer von der DJK Weiher (Vorläufer des FC Weiher) haben sich nach dem Spiel im Ritter in einer großen Blechbadewanne gewaschen. Das Bild zeigt die DJK-Elf vor dem Vereinslokal in den 30er Jahren. Von li. nach re.: Josef Müller, Simon Barth, Anton Gärtner, Anton Herzog, Johann Bader, Josef Lang, Wendelin Becker, Rudolf Herzog, Johann Simonis, Johann Schmitt und Leonhard Herzog.

Die Katholischen Jungmänner versammelten sich ebenfalls im Gasthaus „Zum Ritter“. In früheren Zeiten hat der Musikverein 1900 e.V. Weiher nach der Fronleichnamsprozession stets noch in dessen Biergarten ein Platzkonzert gegeben.

Zeitzeugen berichten, dass solange Josef Holzer Ritterwirt war, es an seinem Namenstag (19. März) stets Freibier gegeben hat.

Ritterwirt Josef Holzer (rechts) und Pius Becker (links)Das Foto rechts aus dem Jahre 1942 oder 1944 zeigt den Wirt Josef Holzer auf der Treppe des Seiteneingangs zur Küche mit dem Landser Pius Becker, der auf Heimaturlaub war.

Im Haus Nr. 17 befand sich die Pfuhlpumpenfirma des Josef Gisy. Darin bot Josef Gisy Pfuhlpumpen aus Forlenholz an, da sie die dauerhaftesten in Gruben sind und einen leichten Gang haben. Auch empfahl er sich im Anfertigen von Brunnen aus Holz. Dies geht aus einer Werbeanzeige im „Festbuch zur Fahnenweihe in Verbindung mit Preissingen vom 21. – 23. Mai 1927 des Gesangvereins Liederkranz Weiher“ hervor.

Im Haus Nr. 17 wohnte auch der Fuhrunternehmer Karl Holzer (Bruder vom Ritterwirt Josef Holzer). Er hatte einen Lastwagen mit Holzvergaser und einen Omnibus. Mit diesem Lastwagen fuhren auch die Feuerwehrmänner aus Weiher im 2. Weltkrieg mit ihrer Motorspritze nach Fliegerangriffen nach Karlsruhe, Mannheim und Pforzheim um dort die Feuerwehr bei der Brandlöschung zu unterstützen. Nach dem Krieg fuhren viele Weiherer mit diesem Lastwagen zur Wallfahrt nach Walldürn. Mit dem Omnibus machten z.B. auch 1928 der DJK (Deutsche Jugendkraft) Ausflüge. Im Jahr 1945 nahm die französische Besatzung Karl Holzer seinen Omnibus gewaltsam ab. Als Entschädigung erhielt er nach Angaben von Zeitzeugen zwei Pferde zum Einspannen. Karl Holzer zog mit seinem Fuhrpark später in die Hauptstraße 162.

Heute befindet sich im ehemaligen Haus Nr. 17 der Parkplatz zum Gasthaus „Zum Ritter“.

Der taubstumme Schuhmacher Ludwig Böser hatte im Haus Nr. 23 seine Werkstatt.

Das Haus Nr. 25 wurde 1899 erbaut. Darin befand sich die Bäckerei Theodor Beyer („Beyer Bäckers“). Dessen Tochter Magdalene und ihr Ehemann Hans Weindel führten dann die Bäckerei für kurze Zeit weiter. 1954 übernahm Gregor Heneka mit seiner Ehefrau Helene geb. Schneider die Bäckerei, bevor sie die Bäckerei im Jahr 1959 in die Hahnenstraße verlegten. Heute befindet sich in dem Haus die Firma „Wiegand-EDV“.

Zwischen den Häusern Nr. 23 und 25 ging ein schmaler Weg („schiefs Wegel“) durch zur Mulde, Hirschstraße und zum Friedhof.

Im Haus Nr. 27 wohnte Johann Bellm, der Anfang der fünfziger Jahre den Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr Weiher gründete. Er war jahrelang der musikalische Leiter als Tambour.

Ritterstr. KüfereiIm Haus Nr. 35 (Eckgrundstück zur Hauptstraße) befand sich die Küferei von Rudolf Böser (s. Foto rechts, Aufnahmejahr unbekannt). Der älteste Sohn August Böser setzte die Küfertradition fort und verlegte die Küferei in den 1920er Jahren in die Hirschstraße Nr. 9 im Bereich der Einmündung der Ritterstraße in die Hirschstraße.

Mit der in Weiher erfundenen Zigarrenpudermaschine wurden die Zigarren mit Puder, das aus zerriebenen Tabakblättern gewonnen wurde, gleichmäßig eingefärbt.

ZigarrenpudermaschineDas Bild links von September 1916 zeigt eine der Zigarrenpudermaschinen sowie von li. nach re.: August Böser (Fenster), Hermann Böser, Rudolf Böser, Ottmar Böser, Hauk (Mingolsheim), Johann Heneka und Theo Böser.

Später führte dessen Tochter Elisabeth Herzog geb. Böser ein Kolonialwarengeschäft. Deren Sohn Günter hatte ab dem Jahre 1956 in dem Haus den ersten Drogeriemarkt in Weiher. Er bot als Fachgeschäft „Kindernähr- und Pflegemittel, Mittel zur Schädlingsbekämpfung, Zahn- und Körperpflegemittel, Weine und Spirituosen“ an.“

 

Quellenangaben:

 

Festbuch zur Fahnenweihe in Verbindung mit Preissingen vom 21. – 23. Mai 1927 des Gesangvereins Liederkranz Weiher.
„Geschichte des Dorfes und der Gemeinde Weiher am Bruhrain“, Dr. Günther Haselier (1962).
Homepage des Altenwerkes St. Nikolaus Weiher und des Gesangvereins 1876 e.V. Weiher.
Recherchen zum Gasthaus „Zum Ritter“ von Karl Simon, Weiher, aus dem Jahr 1993.
Sippenbuch von Michael Prestel sen., Weiher, „Die Nachfahren des Adam Etzkorn“.

Evtl. belegbare weitere Hinweise zu den Ausführungen nimmt unsere Ortsteilvertreterin in Weiher, Ursula Hohl, gerne entgegen (Tel.Nr.: 07251/60469).

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