Der Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V. konnte die Geschichte eines weiteren Handwerks in Ubstadt-Weiher, Ortsteil Weiher, dem Fleischbeschauer Bernhard Herzog, zusammen mit seinen Söhnen Hans und Wolfgang Herzog, aufschreiben und so für die Nachwelt erhalten sowie Einblicke in die damalige Zeit geben. Der Heimatverein dankt Hans und Wolfgang Herzog für dieses Interview sehr herzlich. Eine besondere Anerkennung verdient auch unser Vorstandsmitglied Beate Harder, die dieses Interview geführt und wie folgt aufgezeichnet hat:


 

 Von Beate Harder | November 2020 

„Im Einsatz für die Gesundheit!“

Bernhard Herzog, am 29.11.1919 in Weiher in der Brunnenstraße 15 geboren, war nach Beendigung der Volksschule zunächst in der elterlichen Landwirtschaft beschäftigt. Früh wurde Bernhard zur Wehrmacht eingezogen und kehrte mit schwersten Verwundungen nach Hause zurück.

Bernhard Herzog war an verschiedenen Kriegsschauplätzen in Russland und Italien eingesetzt. Im September 1944 wurde er durch Granatsplitter schwer verwundet und kam erst im Juli 1945 vom US-Gefangenenlager Bad Aibling nach Weiher zurück. Der Verlust seines linken Armes und sein bereits fortgeschrittenes Alter von 25 Jahren sowie die wirtschaftliche Lage im zerstörten Land ermöglichten Bernhard Herzog keine Ausbildung in einem Beruf. Eine kleine Versehrtenrente sorgte für ein mehr als karges Einkommen. Mit Hilfe der Landwirtschaft mütterlicherseits, dem Anbau von Sonderkulturen wie Tabak und einer Tätigkeit als Nachtwächter in einer Bruchsaler Zigarrenfabrik war ein Auskommen möglich.

Nach beiden Weltkriegen wurden in Deutschland Versehrte durch unterschiedliche Maßnahmen beruflich gefördert. Die Kriegsbeschädigtenfürsorge wurde in Deutschland ab 1920 mit Hilfe des Reichsversorgungsgesetzes geregelt. Dessen Grundgedanke war es, den Versehrten eine Geldentschädigung durch Renten zu gewähren und ihnen vor allem die Rückkehr in das Arbeitsleben zu ermöglichen. So konnte Bernhard Herzog bei der hiesigen Gemeinde angestellt werden und wurde in der Folge zum Fleischbeschauer ausgebildet. Er legte die Prüfung als Trichinen- und Fleischbeschauer 1948 im Schlachthof in Heidelberg vor der Prüfungskommission mit „Sehr gut“ ab.

Während seiner sechs Monate dauernden Ausbildung erhielt er fundierte Kenntnisse in der Haltung von Tieren, Unterweisung über die Anatomie der Tiere und vor allem Kenntnisse über Parasitenbefall und entsprechende Gegenmaßnahmen. Im Abstand von zwei Jahren erfolgten regelmäßige Fortbildungen mit jeweils abzulegenden Prüfungen beim Staatlichen Veterinäramt in Karlsruhe.

Koffer mit Ausrüstung. Foto: HV
Koffer mit Ausrüstung. Foto: HV

Nachdem Bernhard Herzog zusätzlich zur Landwirtschaft, bei der man nun verstärkt auf den Spargelanbau setzte, über ein überschaubares Einkommen verfügte, gründete er zusammen mit Elisabeth geb. Becker (1929-2020) aus Weiher 1948 eine Familie. Der erste Sohn, Hans, wurde 1950 geboren, ihm folgte 1961 Wolfgang.

Der Fleischbeschauer war zwar bei der Gemeinde angestellt, handelte jedoch nach den Richtlinien des Staatlichen Veterinäramtes. Danach unterliegen Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe, die als Haustiere gehalten werden, vor und nach der Schlachtung einer amtlichen Untersuchung (Schlachttier- und Fleischbeschau), wenn ihr Fleisch zum Genuss für Menschen bestimmt ist. Die Gebühren der Fleischbeschau wurden vom Gemeinderat festgelegt, durch den Fleischbeschauer eingezogen und an die Gemeindekasse weitergeleitet. Die Vergütung des Fleischbeschauers erfolgte durch die Gemeinde. Der Fleischbeschauer untersuchte ausschließlich die Tiere bei Hausschlachtungen oder Forstwild, Metzgereien wurden von Amtstierärzten betreut. Damit waren die Fleischbeschauer eine wichtige Entlastung für die Amtstierärzte.

In unseren landwirtschaftlich geprägten Gemeinden kam in den Nachkriegsjahren eine regelrechte Hausschlachtungswelle auf die Fleischbeschauer zu. Mit bis zu 500 Hausschlachtungen in der Saison hatte Fleischbeschauer Bernhard Herzog zumeist an den Wochenenden bis zu 30 Untersuchungen bei den verschiedenen tätigen Hausmetzgern zu leisten. Die Saison, die aufgrund der kalten Temperatur von November bis Februar ging, wurde intensiv genutzt, hatte man doch noch keine geeigneten Kühlmöglichkeiten für das Fleisch.

Schlachtfest. Foto: HV
Schlachtfest. Foto: HV

Einige Tage vor der geplanten Schlachtung sagte man bei Bernhard Herzog Bescheid, wann die Schlachtung stattfand. Am Tage vor der Schlachtung kam der Fleischbeschauer zur Lebendschau. Hier wurde geprüft, ob die Schlachttiere optisch gesund sind, keine Verwundungen, kein Buckel (Bananenkrankheit = Rückenmuskelerkrankung beim Schwein) und kein Fieber vorliegen.

Beschau. Foto: HV
Beschau. Foto: HV

Am eigentlichen Schlachttag kam Bernhard Herzog zur angekündigten Zeit, baute auf dem für ihn vorbereiteten Tischchen mit der weißen Tischdecke sein Mikroskop auf, packte die Stempel, Stempelkissen und Messer zur Gewebeprobe aus und bereitete die Fleischbeschau vor. Zunächst untersuchte er die zur Seite gehängten Innereien auf offensichtliche Fehl- und Missbildungen bzw. Krankheiten. Innereien waren der Hauptspiegel der Gesundheit eines Tieres. Bei Verdacht einer Krankheit wurden Teile oder die kompletten Innereien vernichtet. Häufig kam beim „Brühen“ des Tieres „Brühwasser“ in die Lunge, die dann ganz oder zum Teil nicht mehr zur Weiterverarbeitung verwendet werden konnte. Hier konnte auch oft bereits ein erster Befall von Parasiten, z.B. dem „Lungenwurm“, ermittelt werden. Dies führte auch zur Vernichtung des befallenen Gewebes.

Nun erfolgten mit dem Messer mehrere Gewebeproben aus verschiedenen, genau vorgegebenen Bereichen des Schlachttieres, die Bernhard Herzog trotz seiner Behinderung äußerst geschickt bewerkstelligte. Die Bereiche der zu entnehmenden Gewebeproben unterschieden sich beim Wild sehr von den Stellen beim Schwein. Die Gewebeproben wurden umgehend vor Ort einer Untersuchung mit dem Mikroskop unterzogen, das Hauptaugenmerk war dabei auf den Befall mit Trichinen gerichtet.

Mikroskop. Foto: HV
Mikroskop. Foto: HV

Trichinen (Trichinella) sind eine Gattung winziger Fadenwürmer (Stamm Nematoda) mit parasitischer Lebensweise. Säugetiere, damit auch Menschen, und Vögel dienen als Zwischen- und Endwirt. Hauptüberträger auf den Menschen sind Schweine bzw. deren roh, z.B. als Mett, verzehrtes oder ungenügend gegartes Fleisch. Zum guten Glück konnte Bernhard Herzog in seinem ganzen Berufsleben keine Trichinen in Weiherer Schlachtvieh nachweisen. Abschließend erfolgte noch die Kontrolle der für die Würste verwendeten Därme, die anschließend gereinigt und weiterverarbeitet wurden.

Nun erfolgte die für die Besitzer des Schlachtviehs wichtigste Handlung: Mit einem in Lebensmittelfarbe getauchten Stempel bestätigte der Fleischbeschauer die „Trichinenfreie“ und den ordnungsgemäßen Zustand des Fleisches. Erst dann durfte mit den weiteren Schlacht- und Verwurstungshandlungen weitergemacht werden. Ein Aufatmen ging in den meisten Fällen durch die Anwesenden.

Stempel. Foto: HV
Stempel. Foto: HV

Nach beinahe 40-jähriger Tätigkeit trat Bernhard Herzog 1988 in den wohlverdienten Ruhestand, seine Nachfolge übernahm der örtlich zuständige Tierarzt. Bernhard Herzog war in all diesen Jahren ein gern gesehener Kontrolleur, der seine Arbeit stets pflichtgemäß, mit Freude und Humor verrichtete.

Als Gründungs- und Ehrenmitglied und aktiver Fußballspieler des FC Weiher 1945 e.V. fungierte Bernhard mit großer Freude und viel Engagement im Ehrenamt seiner Gemeinde. Ebenfalls als Gründungs- und Ehrenmitglied des Brieftaubenzuchtvereins „Heimkehr“ Weiher ging er seinem großen Hobby, der Taubenzucht, nach. Wenn die „Daiberich do wara“ (Taubenzüchter da waren), wurde gescherzt und gelacht. Man erinnert sich gerne an seine Tatkraft, seinen Humor und an sein ansteckendes Lachen. Er war ein überaus lebensbejahender Mensch und im Umgang mit seiner Behinderung erfindungsreich. So nutzte er für die Feldarbeit eine Armprothese, an deren Ende ein Ring befestigt war. Durch diesen Ring wurde der Stiel gesteckt und so konnte er Gabel oder Sense genauso gut handhaben wie jeder andere. „Kaschd“ und „Recha“ bewältigte er sogar nur mit seinem einen Arm. Sein Sohn Wolfgang erinnert sich, dass er Mühe hatte, seinem Vater auf dem Acker zu folgen.

Bernhard Herzog war ein Beispiel für gelungene Integration von Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft. Er konnte sein Rentnerdasein viele Jahre genießen und verstarb am 10.12.2008 im Alter von 89 Jahren. Seinen Söhnen war er ein tatkräftiges Vorbild und seinen Enkeln ein fröhlicher und humorvoller Opa. Ein mutiger und lebenskluger Mann, geachtet und ein wichtiges Mitglied der Gemeinde, der den Widrigkeiten des Lebens mit Humor begegnete.

Bernhard Herzog. Foto: HV
Bernhard Herzog. Foto: HV

Aktuelle Beiträge

  • Einzelskelett. Foto: Kurt Fay


  • 26.11.2020
  • - Was ist nun seit November 1976 von der Geschichte der „Franzosenhohl“ bewiesen und dokumentiert und wie kam es zu diesem historisch fundierten Beweis? Einerseits spielte [...]

Right Menu Icon