Es gibt heute nur noch wenige Menschen, die sich an die Wiesenwässerung und damit auch an die dadurch geformte Wiesenlandschaft erinnern können. Deren Bedeutung für die Natur und die bäuerlichen Gesellschaften zeigt in seinem nachstehenden Beitrag unser Gründungsmitglied Ulrich Grande aus Ubstadt auf. Der Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V. dankt ihm sehr herzlich für sein Engagement und für seinen Bericht, der einen Einblick in die Entwicklungshistorie der Wässerwiesen insbesondere in Ubstadt gibt. Hier sein Bericht:


 

 Von Ulrich Grande | Juni 2021 

Von alters her hat die traditionelle Wiesenwässerung zur Intensivierung des landwirtschaftlichen Nutzens und freilich der Ertragssteigerung einen besonderen Stellenwert. Für die bäuerlichen Gesellschaften war sie entwicklungsgeschichtlich bedeutsam und eine engagierte Praxis in den weitläufigen Wiesenlandschaften der Oberrheinebene zwischen Basel und Mannheim.

Schleusenanlage Silzenwiesen 2018, Foto: U. Grande

Auch unser vertrauter Kraichbach hatte hierbei eine nicht unbedeutende Rolle. Allerdings zeigt ein Blick in die Heimatgeschichte, dass die Nutzung der Wasserkraft und des Wassers als natürliche Möglichkeit der Düngung (Mineral-, Nähr-, Schwebstoffe) und Befeuchtung von Wiesen und Äckern einen intensiveren Austausch zwischen allen beteiligten Nutzern bachauf- und bachabwärts notwendig macht. Ob Gewerbe oder Kleinindustrie, wird Wasser in bedeutender Menge entnommen oder aufgestaut, beeinträchtigt dies den natürlichen Fluss des Bachs mit Nebenwirkungen in den nachfolgenden Gemeinden. Schaut man sich in den gängigen Archiven der weiteren Heimatgeschichte um, findet man eine Fülle von Rechtsstreitigkeiten, die letztlich auch die Entwicklungshistorie dokumentieren (Leibundgut 2009).

  • So musste beispielsweise um das Jahr 1400 Wiprecht von Helmstatt d. J., Vogt zu Bretten, einen Streit zwischen Ludwig von Stein zu Oberöwisheim und dem Kloster Maulbronn über den Lauf des Kraichbachs, seine Ableitung in den Manngraben und die Wiesenwässerung, entscheiden. (GLA KA – 42 Nr. 4461)
  • Das Amt Schwetzingen musste Ende des 17. Jhdt. umfangreiche Ermittlungen wegen „eigenmächtige Benutzung des Baches durch speyerische Untertanen“ einleiten. (GLA KA – 178 Nr. 82)
  • Schon deftiger gingen kurpfälzische Einheiten zu Beginn des 18. Jhdt. gegen eine „oberhalb Langenbrücken bei Stettfeld errichtete Sägemühle“ vor, sie war – nach Ansicht der Kurpfalz (nicht mehr Hochstift Speyer) – zum „Nachteil des kurfürstlichen Fischwaags (Ludwigssee) und der kurfürstlichen Pachtmühlen zu Hockenheim und Reilingen“ errichtet worden: es fand „kurpfälzischerseits eine gewaltsame Wegräumung derselben“ statt. (GLA KA – 77 Nr. 3926)
  • Aus dem Bezirksamt Schwetzingen (nach 1803) liegen im Generallandesarchiv Karlsruhe zahlreiche Beschwerden gegen die Stauung des Kraichbachs vor. (GLA KA – 376 Nr.1289)
  • Um den vielfältigen Interessen der Bürgerschaft Rechnung zu tragen, gründete sich überdies1931 in Hockenheim eine „Kraichbachwässerungsgenossenschaft“ (GLA KA – 466 Zugang 1992-21 Nr. 401).

Gleichwohl musste auch in Ubstadt selbst hochstiftsches Recht gelten. Gelegentlich erinnern die fürstbischöflichen Grenzsteine an jene Zeit, die 1803 mit dem Reichsdeputationshauptschluss ein Ende fand.

Bekanntermaßen teilte sich der Lauf des Kraichbachs vor Eintritt in den Ort jeweils in zwei Bachläufe. Ein Teil des Wassers floß durch die Ortsmitte und sicherte so den Betrieb der Benderschen Mühle (Bestehen reicht bis ins Mittelalter). Der zweite Arm des Baches floß – soweit das Schleusenwerk dies zuließ – parallel zur Salzbrunnenstraße zu einer weiteren Schleusenanlage (1793), um im Bedarfsfall zur Wiesenbewässerung zu dienen.

In der Regel gelangte die etwas geminderte Wassermenge kurz danach in das ursprüngliche Kraichbachbett zurück. Zu erwähnen ist, dass sich mehrere hundert Meter vor dem Ort (Gewann „Kleines Erle“) ein Wehr befandt, welches einen weiteren (künstlichen) Kanal (Seegraben) mit ausreichend Wasser versorgte, der eine an der östlichen Ortsgrenze gelegene Hammerschmiede mit Energie bediente. Eichmarken und Fixpunkte sollten die reibunglose Funktion beider Betriebe sichern (Schulz 1979).

Schleusenanlage von 1793, Foto: U. Grande

Die Schleusenanlage aus dem Jahre 1793 belegt umsichtiges Handeln der Gemeindeverantwortlichen. Die großen Herausforderungen der Landwirtschaft, eine stark wachsende Bevölkerung im 19. Jhdt. ausreichend mit Nahrungsmittel zu versorgen, machte die intensive Nutzung aller Gemeindeflächen notwendig. Gegebenenfalls halfen Entwässerung (Bruch nördlich und südlich von Ubstadt) und Bewässerung gleichermaßen zur erfolgreichen Ertragssteigerung (Leibundgut 2009).

„Seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges hatten Baden, aber auch die Kurpfalz wiederholt Verordnungen erlassen, mit denen Vergünstigungen für die Kultivierung von brach gefallenen Feldern gewährt wurden. In den – vielfach nicht realisierten – Plänen für Koloniegründungen bildeten Ent- und Bewässerungsfragen stets einen wichtigen Eckpfeiler. Eine bedeutende Rolle spielte hier die Persönlichkeit des badischen Markgrafen Karl Friedrich, der von 1746 bis 1811 regierte. Ein besonderer Akzent seiner Politik lag neben Maßnahmen zur „Ausstockung“ von Wald und Wiesen in der Förderung der Wiesenbewässerung und generell in der Verbesserung der ländlichen Be- und Entwässerungssysteme. So ordnete er 1776 die Ausarbeitung einer neuen Grabenordnung an, die für längere Zeit auf der politischen Agenda blieb. 1778 folgten weitere Verordnungen zur Nutzung von Weiden und Allmenden.“ (Bernhardt 2016)

Der schier undurchdringliche Heckenbewuchs eines ehemaligen Bewässerungsgrabens sicherte die Existenz unserer Schleusenanlage und verhalf ihr auf märchenhafte Weise zur Rettung in unsere Tage.

Alte Behelfsbrücke der Kraichbach bei der Hammerschmiede, Foto: U. Grande

Verwendete Literatur:
Schulz, Gustav: Geschichte der Gemeinde Ubstadt, Herausgeber Gemeinde Ubstadt-Weiher, Badendruck, 1979. S. 252 ff.
Bernhardt, Christoph: Im Spiegel des Wassers, Eine transnationale Umweltgeschichte des Oberrheins (1800 – 2000), Böhlau Verlag Köln Weimar Wien, 2016, Seite 62.
Leibundgut, Christian: Grundzüge der Wiesenwässerung in der Oberrheinebene – historisch und gegenwärtig, in K. Westermann, Buggingen, 2009, 39-52.
Generallandesarchiv Karlsruhe

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