Von Theodor Stengel | Oktober 2020 

Anlässlich des Jubiläums 1250 Jahre Zeutern stellt der Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V. die Zeuterner Sagen und Geschichten vor. Eine Sage ist im Allgemeinen eine an einen Ort, eine bestimmte Zeit oder eine besondere Person gebundene Geschichte, die oftmals im Volksmund mehreren Deutungen unterliegt. Meist wird sie aber dann in einer Gemeinde in einer vorherrschenden, vereinheitlichten Version erzählt und weitergegeben. Sofern bekannt, haben wir diese Sagen zudem durch weitere Einzelheiten ergänzt, an die sich ältere Zeuterner Einwohner noch erinnerten.

Unterstützt hat uns der Mitautor des Zeuterner Ortsbuches, Herr Kurt Fay aus Odenheim. Ihm gebührt ein besonderer Dank. Dank gebührt auch Doris Keibl für die schreibtechnische Unterstützung, den vielen Fotografen, unserem Webmaster Florian Bonert und nicht zuletzt unserer 1. Vorsitzenden Ursula Hohl für ihre Idee, die Zeuterner Sagen aufzuschreiben und mit entsprechendem Bildmaterial zu versehen.

  • Wand des Gewölbekellers. Foto: Reiner Dick

Unterirdische Geheimgänge von und zu der alten St. Martinskirche

„Gemäß einem Bauplan im Heimatbuch von Zeutern war die alte St. Martinskirche vor ihrem Umbau und der barocken Ausschmückung im Jahr 1770 von einer zwei Meter dicken Wehrmauer mit vier Bastionen umgeben.

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Frühere Generationen berichteten immer wieder von geheimnisvollen Geheimgängen um die alte St. Martinskirche. Die bekannteste Version ist wohl die, dass vom Keller der heutigen Musikschule ein verschütteter Geheimgang zur alten Kirche existiere. Theodor Stengels Großvater, dessen Vater Martin Dutzi am 11. November 1874 in diesem Haus geboren wurde, wusste davon noch zu erzählen.

Tatsache ist jedoch, dass man bei den Renovierungsarbeiten in den 1980er Jahren im hinteren Bereich dieses Gewölbekellers, genau dort, wo sich heute der Hinterausgang befindet, etwas Außergewöhnliches entdeckt hat. Hier waren nämlich die zugemauerten Eingänge zu zwei kleinen höhlenartigen Stollen, der eine sogar kreuzförmig angelegt, die aber nach wenigen Metern endeten.

Der seinerzeitige Ausgräber und ehrenamtliche Denkmalpfleger, Reiner Dick, berichtet über die Grabung, die im März 1988 stattfand:

Die rückwärtige Wand des Gewölbekellers war ohne Fundamentierung direkt auf den gewachsenen Boden, roter Mergel, aufgesetzt (s. Foto). An zwei Stellen am Fuß dieser Wand, unter dortigen mächtigen Wandsteinen, zeigten sich zwei Öffnungen im gewachsenen Kellerboden, rund 0,85 m tief. Über die linke Öffnung konnte man in drei kreuzförmig angeordnete Höhlungen gelangen. Alle drei Höhlungen waren sorgfältig aus dem anstehenden Mergel ausgebrochen, die Wände und die tonnengewölbeartige Decke glatt gearbeitet. Ab der Kellerwand reichte die mittlere Höhle bis 2,40 m ins Gestein. Die Breitenausdehnung zwischen den beiden seitlichen Höhlungen betrug 3,70 m, die Höhen lagen bei rund 1,40 m. Die rechte Öffnung unterhalb der Kellerwand führte rund 1,90 m tief in eine sich trapezförmig erweiternde Höhlung, ebenfalls sorgfältig aus dem Mergel herausgearbeitet. Dieser Hohlraum zeigte zwei Besonderheiten:

Direkt hinter der Kellerwand waren in die Wände der Höhlung zwei senkrecht verlaufende, breite Schlitze eingegraben. In diese konnten Bohlen eingelegt werden, um die Höhlung zu verschließen. In der Ortsbrust der Höhlung (hintere Abschlußwand) zeigte sich ein sorgfältig ins Gestein eingeschnittenes Kreuz von 33 cm Höhe und 15 cm Breite (s. Foto). Mit diesem sichtbar gemachten Kreuz wollten die früheren Bewohner das in die Höhlung gebrachte Hab und Gut wohl Gottes Obhut anvertrauen.

Die Lage der Höhlungen unter mächtigen Wandsteinen weist darauf hin, dass ihre Anlage von vornherein geplant war. Die Höhlungen dienten dazu, in Krisen- und Kriegszeiten Vorräte an Lebensmitteln sowie Wertsachen sicher zu verstecken. Dazu konnten die Bodenöffnungen mit Brettern verschlossen werden. Auf diesen wurden dann Schüttgüter oder Rüben gelagert.

Die Notwendigkeit solcher Vorsorge resultierte aus den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen in unserer Gegend zwischen dem 17. und 19. Jh.: 30jähriger Krieg 1618 bis 1648, Holländischer Krieg 1672 bis 1679, Pfälzischer Erbfolgekrieg 1688 bis 1697, Spanischer Erbfolgekrieg 1701 bis 1714 und die Koalitionskriege 1792 bis 1815.

Neben den archäologischen Befunden hat die Untersuchung gezeigt, dass die Erzählungen vom Bestehen eines Verbindungsganges zur alten St. Martinskirche, zumindest von dieser Stelle aus, dem Reich der Sagen angehören. Soweit die Ausführungen unseres Mitglieds und ehrenamtlichen Denkmalpflegers Reiner Dick.

Theodor Stengel weiß dazu noch folgendes zu berichten:

Des Weiteren wurde in Zeutern auch erzählt, dass es im gegenüberliegenden Anwesen Stengel, das direkt an die alte Friedhofmauer grenzt, einen weiteren Eingang eines Geheimgangs zur alten Kirche gegeben haben soll. Diesen hat angeblich Eduard Stengel gegen Ende der 1940er Jahre verschlossen, da sich darin uralte menschliche Gebeine befunden haben sollen.

Einige ältere Zeuterner berichteten sogar, es hätte früher einen Geheimgang vom alten Pfarrhaus zur alten St. Martinskirche gegeben, was ich aber für wenig wahrscheinlich halte, da man ihn spätestens bei der Kanalisierung Zeuterns oder bei der Verlegung der Wasserleitung entdeckt hätte. Es sei denn, mit dem alten Pfarrhaus wäre das ehemalige Anwesen Zeisel / Dutzi in der Kirchstraße gemeint gewesen, wovon manche alten Leute auch sagten, dass dies ganz früher als Pfarrhaus gedient haben soll. Von der Kirche dahin wäre es ja nur einen Steinwurf weit gewesen.

Interessanterweise versicherte mir Wilhelm Michenfelder, dessen Anwesen sich in der Grabenstraße, direkt neben dem alten Pfarrhaus befindet, dass es von seinem tiefen Gewölbekeller aus einen direkten Zugang zum alten Pfarrhauskeller gegeben habe. Er selbst habe diesen vor Jahren zubetoniert.

Ebenfalls nach Erzählungen vieler alter Zeuterner existierte von diesem Pfarrhaus aus ein regelrechtes Tunnelsystem unter dem alten Ortskern Zeuterns.

Hinter dem barocken Hochaltar unserer alten St. Martinskirche befand sich im Fußboden ein Metalldeckel, nur in der Größe einer Bodenfliese, mit einem kleinen Ring zum Hochheben. Diese Öffnung war direkt unter der Spitze des damals zum Teil zugemauerten gotischen Bogens, ca. 70 cm hinter dem Barockaltar. Als Buben regte diese Öffnung immer wieder unsere Phantasie an, da die Schwestern oder der Messner diese dazu benutzten, um z. B. alte Blumen vom Altar zu entsorgen usw.

Wenn dieser sich darunter befindliche Schacht nach fast zweihundertjähriger Nutzung immer noch nicht voll war, was hat sich wohl darunter verborgen? Ein Brunnen aus Zeiten der Wehrkirche? Einfach ein Kühlraum wie in der Stettfelder und Weiherer Kirche?

Dieses Geheimnis werden wir wohl nie mehr erfahren.“

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  • Gasthaus Engel ca. 1900. Foto: Archiv HV Ubstadt-Weiher e.V.

Die heimelige Spinnstube

„Vornehmlich in den langen Winterabenden surrten dann dorfauf, dorfab die Spinnräder. Die Spinnstuben waren allerorts mit Leben erfüllt.

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Man traf sich, das eigene Spinnrädchen mitbringend, bei Basen und Vettern, Verwandten und Freunden, um die Ernte des Jahres zu feinem Garn zu spinnen. Bei frohem Gesang und nicht selten bei „selbstgesponnenen“ gruseligen Geschichten wurde Meter um Meter Garn gewonnen. Die Chronik erzählt von einem hin und wieder geradezu scherzhaften Frohsinn, den die Spinnstuben ausstrahlten, sie berichtet aber auch, daß diese Orte meist weiblicher Zusammenkünfte allzu gerne von beherzten Burschen belagert wurden. Es dürfte daher nicht verwundern, daß bei dieser Gelegenheit mancher junge Bursche von seiner späteren Frau „umgarnt“ wurde oder daß er sich seine Auserwählte aus dem Kreis der Spinnerinnen holte. Bisweilen spann man bis spät in die Nacht hinein. So nimmt es nicht Wunder, wenn nächtlicherweise noch mancher Schelmenstreich „ausgehechelt“ und auch ausgeführt wurde, so wie ihn sich beispielsweise eines Nachts der Knecht des alten Engelwirts erlaubte: Nach einer ausgedehnten Spinnstunde sollte er noch die Mädchen mit dem Schlitten in der mitternächtlichen Winterlandschaft spazierenfahren. Unwillig spannte er zunächst die Pferde an, denn ihm wäre zu dieser Stunde das warme Bett wohl lieber gewesen. Doch Befehl war Befehl.

In munterem Trab ging es gen Osten bis über die Waldmühle, halbwegs nach Odenheim. Dort bat der Knecht die Mädchen auszusteigen, damit er ohne besondere Umstände wenden könne. Gutgläubig und dem Ernst der Miene des Kutschers vertrauend, sprangen die wohlgelaunten, ahnungslosen Mädchen mit ihren „Hausschläppchen“ für einen Augenblick in den hartgefrorenen Schnee. Der Kutscher wendete indessen wie angekündigt, gab den Pferden aber postwendend die Zügel und fuhr ohne die kostbare Fracht in wilder Fahrt dem Dorfe zu. Wohl oder übel mußten die genarrten Mädchen den Heimweg ins Dorf zu Fuß antreten“.

(Quelle: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach)

Ergänzende Anmerkungen unseres Mitglieds Theodor Stengel:

Die Spinnräder wurden durch Spillenmacher (Spindelmacher), die hauptsächlich für das Spinnerei- und Weberhandwerk Geräte aus Holz fertigten, hergestellt. Das Bild links zeigt ein typisches Spinnrad unserer Gegend. Auf der Kunkel hängt noch echter Flachs. Auf dem Stuhl liegen Elle und Hanf-Rechen, mit dessen Benutzung die gleichmäßige Stärke eines Flachszopfs (Spinnroggens) gewährleistet war. Alle auf dem Bild zu sehenden Gegenstände sind über 150 Jahre alt.

Am Namenstag der Heiligen Katharina („Kathrein-Tag“), dem 25. November, mussten früher alle Räder (z. B. Spinnräder und das Mühlrad) ruhen, Mägde und Knechte bekamen den Lohn ausbezahlt und feierten.

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  • Glockenweihe 1925. Foto: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach

Glockenbückelesgraben

„Wie allerorten, so fürchtete man auch in Zeutern während des Dreißigjährigen Krieges, daß die Kirchenglocken eines Tages von den Belagerern geholt würden.

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Aus diesem Grunde vergruben die Einwohner bei Nacht und Nebel die Glocken im „Schelmenwald“ (Besingwald), um sie vor den plündernden Soldaten zu verbergen und zu schützen. Im Wald zwischen Zeutern und Langenbrücken, abseits in Richtung Östringen, wo heute noch ein tiefer Graben zieht, wähnte man das Heiligtum des Dorfes in Sicherheit. Einige Soldaten sollen jedoch die größte der Glocken entdeckt haben und sich auch bald einig gewesen sein, sie fortzuschleppen. Die gefundene Glocke, ihr Schicksal wohl ahnend, hub daraufhin an, in stärkeren Tönen zu klingen:

„Susanna heiß ich,
Ein Sprüchlein weiß ich.
In Zeutern bin i g’hange,
In Zeutern will i bleiben
Und alle bösen Gewitter (Geister) vertreiben.“

Bestürzt und voll Schrecken ob dieser geheimnisvollen Stimme suchten die Soldaten ihr Heil in wilder Flucht. Sie ließen die Glocken zurück, womit diese dem Dorf gerettet waren.

Ob es tatsächlich raubende und brandschatzende Soldaten waren, wie der Volksmund allgemein erzählt, oder ob es ein pfiffiger Bauer aus Langenbrücken mit seinem Pferdegespann war, wie man bisweilen auch hört, wird wohl heute nicht mehr zu klären sein; was aber blieb und an die schicksalhafte Sage der Glocken erinnert, ist der „Glockenbückelesgraben“.

(Quelle: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach)

Ergänzende Anmerkungen unseres Mitglieds Theodor Stengel in Absprache mit Herrn Kurt Fay, Mitautor des Zeuterner Ortsbuches:

Eine zweite Version der Sage vom „Gloggabiggelesgrawa“, von älteren Zeuterner Bürgern erzählt, sagt, dass es die Schweden waren, die von dem Versteck wussten, nachdem sie einigen Zeuternern den oft tödlichen Schwedentrunk verabreicht hatten und von Langenbrücken aus mit einem gekaperten Fuhrwerk die Glocken rauben wollten. Auch der rettende Spruch, den die größte Glocke Susanna getönt haben soll, ist in einer leicht veränderten Version im Zeuterner Dialekt überliefert:

„In Zaidan bin e ghónga,
In Zaidan will e blaiwa
Un allas Bees (Böse) und Gwiddara vadraiwa.“

Sollte es eine Glocke Susanna in Zeutern wirklich gegeben haben, mussten die Zeuterner diese mit ziemlicher Sicherheit spätestens während des ersten Weltkriegs zum Einschmelzen abgeben.

Die ortsgebundene, in Zeutern geläufige Bezeichnung „Gloggabiggelesgrawa“ bedeutet in Hochdeutsch einen Graben beim Glockenbuckel beziehungsweise Glockenhügel und der Einheimische weiß, es ist ein sumpfiges Waldgebiet im Distrikt Bössinger (heute Besinger) oder auch Schelmenwald genannt, zwischen Zeutern und Langenbrücken, nordöstlich Richtung Östringen.

An besagter Stelle findet sich heute eine Gabelung von zwei Waldwegen, zwischen denen sich ein kleiner bewaldeter Hügel erhebt. Der rechte Weg steigt entlang des Hügels gemächlich an, der linke führt neben einer meist nur im Frühjahr wasserführenden Senke, einem etwas sumpfigen Quellgebiet, das von einem Wassergraben, dem „Gloggabiggelesgrawa“, in Richtung Westen durchzogen wird.

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  • 1982 Zeuterner Kirchturm St. Martin mit Weinbergen. Foto: Harald Dorwarth

„Unsa Zaidama Glogga“ von Theodor Stengel

D’Glogga senn da Ruf vun Gott, se laidaras bei Daif un Dòòd;
se laidaras bei Sunn un Räjja, se leidaras bei Laid un Säja.

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Am Schwedagrieg senn d’Lónzgnächd kumma, um as za vaderawa,
se heda unsa Glogga gholld, um se fó an Judaslòò za vaschärawla.
Doch d’Zaidama häwwa gsagd, jedzt badd blòòs zómmahälfa,
um se gschdiecham am Schälmawald za vadelwa.

Am Dóraf hadd ma gsagd: Kinna beet, weil mória kummd da Schwed.
Sò wara se sicha, se häwwa d’Schweda vaseggld,
weil d’Glogga wara schnell am Schälmawald vaschdeggld.

Awwa d’Schweda senn kumma un häwaras iwafalla,
blòòs, da Schwedatrung, dä hadd niemónd gfalla,
un schóins hadd óna vun denna Dòòda
da Blazz vun da Glogga vó Ehlend varoda.

Ball senn d’Schweda midd Róss un Warra
an da Schälmawald, um d’Glogga fóddzakarra.
Pläzzlich hadd d’greschd Glogg ógfónga za schwäzza,
um d’Schweda an Engschd un Schrägga za vasedzza:

„In Zaidan binne ghónga un in Zaidan wille blaiwa
un allas Bees un d‘Gwiddara vadraiwa.“

Vó Móras isch dónn una Zóras
an d’Fluchd des gónsse Schwedachóras.
Un zu dem Bläzzl dudd ma haid noch sara:
Am Schälmawald – da Gloggabiggelesgrawa.

Ball hadd ma se widda uff iharan Turam
un se häwwa glidda fó Käricha, bei Faia un Schduram.
Doch am 20. Jóhunnad senn zwee Wäldgrieg kumma
un ma hadd se zwaimol zum Òischmelsa runnagnumma.

1925 häwwa naija Glogga s’äschd Mol fórra Hochzich glidda,
um fós Braudpaa um Glick un Säja za bidda.
1942, was fórra gròße Nòòd, was s’ledschd Mol
beim Schiedlinglaida fórran Zaidama Heldadòòd.

Bis nocham Grieg wara dónn d’Glogga vaschdummd,
s’hadd kói Zómmalaida me gäwwa, wu ausam Kärichaturam kummd.
Se heda jo doch numma alla Gelda, Schiedling laida missa
fó da sinnlòse Dòòd vun unsana bludjunga Helda.

Noch sällam Ehlend, aus ledschda Graffd,
häwwa sich d’Zaidama widda naija Glogga ógschaffd.
Soga noch zwu uffam naija Kärichaturam därafa zusädzlich laida,
se häwaras bis jedzd Glick gabróchd un guda Zaida.

Weil d’Glogga senn da Ruf vun Gott, drum iwa d’Glogga niemónd schbodd.
Vun Gott kummd allas Gud am Läwa, vun Gott kummd alla Glick un Säja.

„Weil in Zaidan dunnama noch henga un in Zaidan wollama noch blaiwa
un alles Bees un d‘Gwiddara vadraiwa.“

Und auf Hochdeutsch:

Die Glocken sind der Ruf von Gott, sie läuten uns bei Tauf‘ und Tod;
sie läuten uns bei Sonn‘ und Regen, sie läuten uns bei Leid und Segen.

Im Schwedenkrieg sind die Lanzknecht‘ gekommen, um uns zu verderben,
sie hätten unsere Glocken geholt, um sie für einen Judaslohn zu verscherbeln.
Doch die Zeuterner haben gesagt, jetzt hilft nur zusammenhelfen,
um sie heimlich im Schelmenwald zu verstecken.

Im Dorf hat man gesagt: Kinder bet‘, weil morgen kommt der Schwed‘.
So waren sie sicher, sie haben die Schweden veräppelt,
weil die Glocken waren schnell im Schelmenwald versteck(el)t.

Aber die Schweden sind gekommen und haben uns überfallen,
nur, der Schwedentrunk, der hat niemand gefallen,
und, so scheint’s, hat einer von den Toten
den Platz von den Glocken vor Elend verraten.

Bald sind die Schweden mit Ross und Wagen
in den Schelmenwald, um die Glocken fortzufahren.
Plötzlich hat die größte Glocke angefangen zu schwätzen,
um die Schweden in Angst und Schrecken zu versetzen:

„In Zeutern bin ich gehangen und in Zeutern will ich bleiben
und alles Böse und die Gewitter vertreiben.“

Aus Angst ist dann ohne zu zanken
in die Flucht die ganze Schwedenbande.
Und zu dem Platz tut man heut‘ noch sagen:
Im Schelmenwald – der Glockenbückelesgraben.

Bald hatte man sie wieder auf ihrem Turm
und sie haben geläutet für Kirchen (Gottesdienste), bei Feuer und Sturm.
Doch im 20. Jahrhundert sind zwei Weltkriege gekommen
und man hat sie zweimal zum Einschmelzen runtergenommen.

1925 haben neue Glocken das erste Mal für eine Hochzeit geläutet,
um für das Brautpaar um Glück und Segen zu bitten.
1942, was für eine große Not, war es das letzte Mal
beim Schiedlingläuten (Totenläuten) für einen Zeuterner Heldentod.

Bis nach dem Krieg waren dann die Glocken verstummt,
es hat kein Zusammenläuten mehr gegeben, das aus dem Kirchturm kommt.
Sie hätten ja fast immer, wenn es galt zu läuten, „Schiedling“ läuten müssen
für den sinnlosen Tod unserer blutjungen Helden.

Nach diesem Elend, aus letzter Kraft,
haben sich die Zeuterner wieder neue Glocken angeschafft.
Sogar noch zwei auf dem neuen Kirchturm dürfen zusätzlich läuten,
sie haben uns bis jetzt Glück gebracht und gute Zeiten.

Weil die Glocken sind der Ruf von Gott, drum über die Glocken niemand spott‘.
Von Gott kommt alles Gute im Leben, von Gott kommt alles Glück und Segen.

„Weil in Zeutern tun wir noch hängen und in Zeutern wollen wir noch bleiben
und alles Böse und die Gewitter vertreiben.“

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  • Vitus-Kreuz (Viteles Kreuz). Foto: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach

Das Vitus-Kreuz

„In der Nähe der „Waldmühle“, rechter Hand in Richtung Odenheim, steht auf einem Feldrain im Gewann „Dorfacker“, umgeben von Sträuchern und Hecken, ein Steinkreuz, das Vitus-Kreuz, bei der Dorfbevölkerung als „Viteles-Kreuz“ bekannt.

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Die eingemeißelten drei Zeichen, die vermutlich Beil, Rad und Schuh darstellen, lassen annehmen, daß es sich möglicherweise um den Grabstein eines Handwerksburschen handelt. Im Volksmund, der die drei eingemeißelten Kreise als Brote deutet, rankt sich aber um das „Viteles-Kreuz“ folgende tragikerfüllte Sage:

Zwei Handwerksburschen, ein Bäcker- und ein Metzgergeselle, waren auf Wanderschaft. Ihr Hunger war groß und ihre Wegzehrung nur noch gering. Im Streit um das letzte Brot sollen sie sich gegenseitig so übel zugerichtet haben, daß beide erschlagen am Ort der Auseinandersetzung liegen blieben.

Das im Kreuz gezeigte Beil deutet auf den Metzgerburschen, die drei Kreise (Brote) erinnern an den Bäckergesellen.“

(Quelle: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach)

Ergänzende Anmerkungen unseres Mitglieds Theodor Stengel in Absprache mit Herrn Kurt Fay, Mitautor des Zeuterner Ortsbuches:

Eine Sage wäre keine Sage, würde sie im Volksmund nicht in verschiedenen Versionen weitererzählt werden. Auch in dieser Fassung wurde die Sage von manchen älteren Zeuternern wiedergegeben:

„Drei Handwerksburschen, ein Bäcker, ein Metzger und ein Müller, waren zusammen auf der Walz und völlig ausgehungert. So entwendeten sie in ihrer Not von einer Weide beim Dorfacker ein kleines Kälbchen, um es zu verspeisen. An jener Stelle soll sich vor langer Zeit ein kleines Dorf zwischen Odenheim und Zeutern befunden haben. Als der Metzgergeselle das Kälbchen in dem damals unübersichtlichen und wenig begangenen Hohlweg unterhalb des Kreuzes geschlachtet hatte, gerieten die drei plötzlich wegen der Verteilung des Fleisches in sehr heftigen Streit. Wutentbrannt packte der Metzgergeselle seine Axt am hintersten Ende des Holms und schleuderte sie mit einer solchen Wucht um sich, dass er seine beiden Gefährten furchtbar an den Beinen verletzte und die Axt ihm selbst tief in den Rücken fuhr. Tot und blutüberströmt soll man die drei auf dem kleinen Hohlweg direkt unterhalb des „Vitus-Kreuzes“ gefunden haben.“

Wenn ich als Kind bei den älteren Zeuterner Einwohnern, die mir die Sage erzählten, nachgefragt habe, was denn die Bezeichnung „Viddeles Graiz“ eigentlich bedeutet, bekam ich meistens die Antwort, dass wahrscheinlich schon der Heilige Vitus dafür Pate stand, aber gleichzeitig wurde auch bemerkt, dass die alten Zeuterner früher ein kleines Kälbchen als „Viddele“ bezeichneten.

Umso mehr war ich überrascht, als ich vor einiger Zeit per Zufall feststellte, dass in der italienischen Sprache ein Kalb „vitello“ heißt.

Soweit die ergänzenden Anmerkungen unseres Mitglieds Theodor Stengel.

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  • Alter Kirchhof Zeutern, Aufnahmejahr unbekannt. Foto: Georg Hasenfus

Das helfende Zigeunerweiblein

„Während des Dreißigjährigen Krieges war in der Gegend um Zeutern ein altes Zigeunerweib heimisch.

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Es hatte, als der schwarze und der rote Tod (Pest und Flammen) umgingen, den Dorfbewohnern viel Gutes getan, denn es wußte in allem Bescheid, gab immer den richtigen Rat, war selbst gegen alles gefeit und besaß bisweilen fast übernatürliche Kräfte.

Als wieder einmal die Pest nicht aus dem Dorfe wich, war die Alte Krankenwärterin und Totengräberin zugleich. Für die Frauen des Dorfes wußte sie ganz geheime Mittel, wie man sich das lüsterne Kriegsvolk vom Leibe hält. Sie war ganz anders als ihre Artgenossinnen, denen man nachsagt, sie hätten während des Dreißigjährigen Krieges ein übles Doppelspiel getrieben. Das alte Zigeunerweib hatte sich als sehr hilfsbereit und dienlich erwiesen, man verschonte es vor den üblichen Anschuldigungen, daß das Zigeunervolk mit anderen Kräften im Bunde stehe, und nahm es nicht übel, wenn die Alte von Zeit zu Zeit ins Dorf kam, um sich einige Lebensmittel zu holen.

Da das Weib obendrein immer gut informiert war und die Zeuterner auf dem Laufenden darüber hielt, was anderwärts sich ereignete, kam sein zeitweiliger Besuch meist gar nicht ungelegen. So brachte dieses alte Zigeunerweib eines Tages auch die Kunde, daß wieder fremdes Kriegsvolk im Lande sei und raubend, mordend und sengend durch die Dörfer ziehe. Die Zeuterner begriffen wohl rasch, was ihnen drohe, und als sich eines Abends überm Wald (Oberer Wald) der Himmel rot färbte, rüstete man in Eile, um der Gefahr entgegenzutreten. Seit Jahren flehten die Frauen zum ersten Mal wieder:

Bet, Kindlein, bet!
Morgen kommt der Schwed!

Die Männer stellten eilends die Äxte bereit, keiner wollte zurückstehen, alle wollten sich mit dem Mut der Verzweiflung dem drohenden Unheil entgegenstemmen, denn es befanden sich noch einige unter den Männern, die den Schwedentrunk gekostet hatten und sich noch gut erinnern konnten, wie dieser schmeckte.

Andreas, dem die ganze Männerschar vertraute und der mit einigen Spähern ausgezogen war, um die Lage zu erkunden, kehrte am anderen Morgen ins Dorf zurück und berichtete:

„Es hat keinen Wert, daß wir uns stellen, tut die Äxte weg, aber nicht so weit, daß ihr sie auch wieder findet. Es sind keine Schweden, sondern die da drüben“, wobei er über seine Schultern gen Westen zeigte und, wie sich später bestätigte, zweifellos die Franzosen meinte.

Wenn auch die Dörfler irrtümlich den „Schwed“ anstatt die Franzosen als fremdes Kriegsvolk erwarteten, sie waren jedenfalls gewarnt und gerüstet, und das alte Zigeunerweib hatte sich wieder einmal als zuverlässiger Bote erwiesen und seine Nützlichkeit unter Beweis gestellt.“

(Quelle: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach)

Zu dieser Sage ist uns keine weitere Version bekannt.

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  • Das Rote Kreuz im gleichnamigen Gewann. Es handelt sich um das „Rote Kreuz“ aus rotem Sandstein. Foto: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach

Die Franzosenhohl

„Am Ortsausgang in nordöstlicher Richtung führt die „Tiefelter Hohl“ zwischen den beiden Gemeinschaftsrebanlagen „Kapellenberg“ und „Gänsbuckel“ hinauf zum „Roten Kreuz“.

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Zählt der seit Jahren betonierte Hohlweg heute zu den landwirtschaftlichen Hauptachsen auf unserer Gemarkung, so schien er vor Jahrhunderten von strategischer Bedeutung zu sein. Die „Tiefelter Hohl“ ist heute noch als „Franzosenhohl“ in aller Munde, und jeder im Dorfe weiß, wie eine der größten Hohlwege der Gemeinde zu diesem Namen kam. Die Überlieferung erzählt folgende Geschichte:

Die Kaiserlichen waren beim Attaque-Wäldchen von den Franzosen geschlagen worden. Daraufhin zogen sie sich in die Gegend zurück, wo die Gemarkungen von Zeutern, Odenheim und Östringen zusammenstoßen. Dort schlugen sie ihr Quartier auf. Die beim Attaque-Wäldchen siegreichen Franzosen ließen sich von den Rebhängen Zeuterns locken, besannen sich nicht lange und besetzten den Ort. Die Zeuterner Bürger mußten zunächst tatenlos zusehen, wie sich die Besatzer am köstlichen Zeuterner Wein gütlich taten. Sie hielten lange aus, und erst als die Fässer leer und kein Tropfen mehr zu finden war, räumten die Belagerer das Dorf.

Andreas, der schon seit Tagen gerüstet hatte, war in der Zwischenzeit nicht untätig. Er suchte in der Nacht das Lager der Kaiserlichen und er fand es. Dem Kommandanten hatte er bald sein Anliegen vorgetragen und mit ihm einen Plan ausgehechelt, wie man den Franzosen zu Leibe rücken könnte.

Als die Franzosen an jenem Morgen, da sie abzogen, den Hohlweg in Richtung Östringen passierten, wurden sie am Ende der Hohle überraschend von den Kaiserlichen in Empfang genommen. Die Franzosen wollten in ihrer ersten Bestürzung durch den Hohlweg zurückfliehen, da aber versperrte ihnen Andreas mit seinen Mannen den Weg. Die Franzosen waren eingekeilt. Von der einen Seite hagelte es gutgezielte Axthiebe, von der anderen Seite prasselten die blanken Säbel der Kaiserlichen. Die Franzosen wurden so grausam geschlagen, daß ihr Blut in Strömen die Hohl herunterfloß. Die Gefallenen sollen in einem Massengrab rechts des Hohlwegs bestattet worden sein. Nur einem einzigen gelang es, sich aus dem Staube zu machen. Aber auch dieser wurde von einem Bauern gesichtet, der gerade in seinem Weinberg arbeitete. Die scharfe Hacke des Bauern hat dann das letzte Wort gesprochen. Die Franzosen waren bis auf den letzten Mann geschlagen. Andreas und seine Männer und die Kaiserlichen hatten ihren Sieg, und die „Tiefelter Hohl“ wurde von diesem Tage der Abrechnung an „Franzosenhohl“ genannt.

Eine andere, weniger bekannte, aber vielleicht eher glaubhafte Version über die Entstehung des Namens „Franzosenhohl“ berichtet, daß es sich nur um einen Trupp Franzosen handelte, der in Zeutern bis tief in die Nacht hinein gezecht hatte und dann feuchtfröhlich und nichtsahnend durch den Hohlweg in Richtung Östringen zog. Während dieses nächtlichen Marsches wurden die Zecher von kaiserlichen Truppen in der Hohle überrascht und so fürchterlich geschlagen, daß alle umgekommen sind. Ihre Gebeine sollen dort, wo heute das Kreuz vor der Dorfkapelle (Kapellenstraße) steht, bestattet sein.

Wenn diese Geschichte behauptet, die Kaiserlichen seien zuerst beim Attaque-Wäldchen geschlagen worden, so ist das ein Irrtum. Man hat den viel älteren Flurnamen „Dackwald, Dachwald“ mit dieser Geschichte zu erklären gesucht und schließlich aus dem Dackwald ein Attaque-Wäldchen gemacht. Siehe Kapitel Flurnamen! Dagegen beweist unsere Kriegskarte aus dem 18. Jahrhundert, daß östlich von Zeutern an einem Weg, offenbar in der „Franzosenhohl“, wirklich „1734 von dem General Petrasch eine Partei Franzosen von 300 Mann totaliter geschlagen worden“ ist. Außerdem beweist das Totenbuch des katholischen Pfarramtes Sinsheim, daß Verwundete von Zeutern nach Sinsheim transportiert wurden. Am 22. Juni 1734 starb in Sinsheim „der französische Soldat Johannes Metzger aus der Champania, von den Deutschen bei Zeittern verwundet“, ebenso starben vom 26. bis 29. Juni noch 4 französische Soldaten aus der Champania, am 27. ein Schwabe und am 30. Juni ein kaiserlicher Soldat aus Österreich von der Truppe des Grafen von Karaffa. Das „totaliter geschlagen“ bedeutet also nicht, daß alle Franzosen getötet wurden.“

(Quelle: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach)

Ergänzende Anmerkungen unseres Mitglieds Theodor Stengel in Absprache mit Herrn Kurt Fay, Mitautor des Zeuterner Ortsbuches:

Zur Tiefelter Hohl, wie sie die Zeuterner bevorzugt unter sich nannten, oder auch Franzosenhohl, wie sie prinzipiell die Östringer bezeichneten, möchte ich noch hinzufügen, dass diese nach Erzählungen meines Großvaters Theodor Dutzi und dessen Bruder Otto, die beide in der Kapellenstraße in Zeutern aufgewachsen waren, bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts von z. B. sogenannten „Salzmännern“ und auch anderen Handelsleuten mit Pferdefuhrwerken befahren wurde.

Die Tiefelter Hohl mündet vor dem Roten Kreuz in den Östringer Weg, der bis vor 50 Jahren noch kerzengerade durch den Wald führte und als Hauptverbindungsweg von Zeutern nach Östringen genutzt wurde. Bog man aber ca. 200 Meter vor dem Wald, ungefähr nach dem heutigen Martinus-Hof, rechts ab, so kam man über den Dümpfelder Wald auf die sogenannte „Hòfschdroß“, deren Name sich von „Hochstraße“ ableiten dürfte und somit auf eine Römerstraße hinweisen würde. Diese führt zum heutigen Ulrichsbruch, wo sich in früheren Zeiten um die Ulrichskirche noch ein Dorf befunden haben soll.

Bei der Sage wurde mir eher deren zweite Version erzählt, allerdings schon so, dass man die Franzosen beim Roten Kreuz beerdigt haben soll, was sich ja dann auch später so herausgestellt hat.

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  • Weinlese um 1930
    Weinlese um 1930. Foto: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach

Warum der Weinzehnt nicht in die Amtskellerei kam

„Im „Kahlen Berg“ – heute „Kallenberg“, einem ehemals großen Waldgelände, das später gerodet und mit Reben bepflanzt wurde, wuchs der Kallenberger Riesling, ein edler Tropfen, der ob seiner Güte von den Fürstbischöfen von Speyer sehr begehrt war.

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Da der Kallenberg zum Besitztum der Fürstbischöfe gehörte, war diesen auch alljährlich viel an der Einbringung der Ernte und am Erhalt des Weines gelegen.

Aus jener Zeit erzählt man sich in Zeutern folgende Geschichte: Die Zeuterner Bauern mussten jedes Jahr mit ihren Pferdefuhrwerken den Wein nach Bruchsal fahren. Der bischöfliche Verwalter „knauserte“ mit der Entschädigung für die treuen Dienste und zahlte nicht genügend Fuhrlohn. Da weigerten sich die Zeuterner, weiterhin den Wein nach Bruchsal zu transportieren. Nicht verlegen, richtete daraufhin der bischöfliche Verwalter kurzerhand einen Bauern aus der Hardt an. Die Zeuterner machten gute Miene zum bösen Spiel. Treu und brav halfen sie dem bestellten Bauern, den Wein ordnungsgemäß aufzuladen. Der Kraft und Wirkung des heimischen Rebensaftes bewußt, „traktierten“ sie allerdings den nichtsahnenden Kutscher dermaßen mit Wein, daß er halben Weges zwischen Zeutern und Stettfeld mit dem beladenen Wagen in den Straßengraben fuhr und der köstliche Saft in Strömen floß und schließlich versickerte. Der Geprellte war der bischöfliche Verwalter, indes die Zeuterner auf die Wirkung ihrer Großzügigkeit warteten. Schließlich hatte das ganze Mißgeschick, zumindest für die Zeuterner Bauern, etwas Gutes; der bischöfliche Verwalter wollte sich nie mehr auf ortsfremde Fuhrleute verlassen. Im nächsten Jahr gab er wieder den „gewichsten“ Zeuterner Bauern Order, den Wein in die Residenz zu kutschieren, selbstverständlich zum gewünschten Fuhrlohn.“

(Quelle: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach)

Zu dieser Sage ist uns keine weitere Version bekannt.

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  • Anlegen eines Weinbergs im Gewann Heiligenäcker, Aufnahmejahr unbekannt. Foto: Georg Hasenfus

Wie die Zeuterner zu ihrem Spottnamen kamen

„Wieder einmal war der Weinzehnt an die fürstbischöfliche Amtskellerei abzuliefern. Die von Kißlau gesandten Fuhrleute waren rechtzeitig in Zeutern eingetroffen, um den Zehntwein in Empfang zu nehmen.

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Man war streng darauf bedacht, an der Kelter den in Speyrer Eich zu erhaltenden neuen Wein nicht nur aus den schlechten Lagen zu erhalten, denn gar zu oft hatten vorher die Zeuterner Winzer reichlich sauren Wein abgeliefert. Die fürstbischöflichen Fuhrleute waren an besagtem Tage gar freundlich empfangen worden. Die Zeuterner boten ihnen großzügig manchen „Schoppen“ vom vorausgegangenen Jahrgang an, und das Zuprosten wollte kein Ende nehmen.

Als das Pferdegespann gegen Abend in Richtung Stettfeld rollte, war nicht nur das Faß voll! Während die Kutscher ein Nickerchen auf ihrem Bock machten, zuckelten die Pferde auch ohne lenkende Hand ihres Weges. In der Zwischenzeit aber waren die Zeuterner Weinbauern hinter dem Zehntfuhrwerk eifrig am Werk. Sie waren mit einem eigenen Fuhrwerk, auf dem ein leeres Faß lagerte, dichtauf hinterhergefahren. Mit Hilfe langer Schläuche „schläuchelten“ sie das kostbare Naß aus dem fürstbischöflichen Faß in das eigene.

Als dann die Pferde zu aller Verwunderung noch eine Rast einlegten und die Kutscher ihre Köpfe immer tiefer senkten, war es nicht mehr schwer, so lange zu „schläucheln“, bis auch der letzte Tropfen Zehntwein wieder in dem Zeuterner Faß „schwabbelte“. Nach getaner Arbeit machte man schnellstens kehrt, nicht ohne vorher den Spunden gezogen und den Pferden das Kommando zur Weiterfahrt gegeben zu haben.

Die Fuhrleute und die Verwalter der Amtskellerei mögen noch lange über das rätselhafte Verschwinden des Zehntweins nachgedacht haben, die Zeuterner jedenfalls hatten wieder ihren Wein.

Sicherlich ist der Wein jener Zeit längst durch durstige Kehlen gegangen; was sich die Zeuterner aber seit dieser Begebenheit erhalten haben, ist der Spottname „Weinschläuche“, den sie im Kreise benachbarter Orte nicht einmal ohne Stolz tragen, wenn es heißt:

„Eichelberg uff de Heh,
Tiefebach voller Fleh,
Odemer Linsebaich,
Zaitemer Weischlaich.“

(Quelle: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach)

Zu dieser Sage ist uns keine weitere Version bekannt.

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  • Simon Ritscherle (Aufnahme vom 19.11.1857). Foto: Theodor Stengel

Die Sage vom Schweißenbergschloß

„Beinahe in Vergessenheit geraten ist die Sage vom „Schweißenbergschloß“, das am Südhang des Schweißenbergs gestanden haben soll.

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Ende des vorigen Jahrhunderts wollen ältere Bewohner der damaligen Zeit noch die Reste des Schloßfundaments gesehen haben. Den Ausmaßen des Schlosses entsprechend, sollen die „Schloßherren vom Schweißenberg“ sehr reich gewesen sein.

Der Volksmund will eine Bestätigung für die frühere Existenz des Schlosses haben. Als der Bauer Rupert Schmitt 1911 mit seinem Vater auf einem Grundstück am Südhang des Schweißenbergs einen metertiefen Graben aufgeworfen hat, stießen die beiden angeblich auf ein starkes Gemäuer. Es soll der Überlieferung nach eine Stärke von 1,50 m gehabt haben. Zweifellos handelte es sich nach deren Angaben um einen Teil des Fundaments des Schweißenbergschlosses. Anderen Angaben zufolge waren vor Jahrzehnten noch bei Feldarbeiten in der Nähe des vermeintlichen Schweißenbergschlosses bisweilen Erschütterungen, ein seltsames Gerumpel und Dröhnen zu vernehmen, was auf den Einsturz unterirdischer Schloßanlagen zurückgeführt wurde. Daß heute keine sichtbaren Beweise mehr für das frühere Bestehen am vermuteten Standort des Schweißenbergschlosses vorhanden sind, erklärt man sich mit den schrecklichen Wirren des Dreißigjährigen Krieges. In jener Zeit, als selbst die Hütten und Häuser der Ärmsten von Plünderung und Brandschatzung nicht verschont blieben, wurde auch der „Palast der Reichen“, das „Schweißenbergschloß“, dem Erdboden gleichgemacht.“

(Quelle: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach)

Ergänzende Anmerkungen unseres Mitglieds Theodor Stengel in Absprache mit Herrn Kurt Fay, Mitautor des Zeuterner Ortsbuches:

Im 19. Jahrhundert hatte mein Vorfahre Simon Ritscherle (1823 bis 1900) seinen Weinberg mit der Rebsorte „Huttler“, wie man sie in Zeutern nannte, exakt an der Stelle, wo das Schweißenbergschloss gestanden haben soll und wo Ludwig Lanz in den 1960er Jahren seine Jagdhütte hatte. In unserer Familie wurde erzählt, dass, wenn man früher den Weinberg rodete, was so alle dreißig bis vierzig Jahre gemacht wurde, indem man die Erde mit dem Spaten tief umgrub, immer wieder auf Grundmauern früherer Gebäude stieß.

Simon Ritscherle soll ein sehr sachlicher Mensch gewesen sein, er war zum Beispiel durch seinen Militärdienst in die Badische Revolution verwickelt und arbeitete danach als Aufseher bei der Großherzoglichen Wasser- und Straßenbauinspektion. Umso glaubhafter ist ein höchst seltsames Erlebnis, das er in der Mitte der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts in seinem Weinberg hatte. Er soll gerade beim Hacken um die Rebstöcke gewesen sein, als urplötzlich die Erde unter ihm bebte und er gleichzeitig ein seltsames Grollen (Rumpeln) hörte. Heute würde man vielleicht sagen, dass dies wahr-scheinlich ein kleines lokales Erdbeben war, damals erklärte man sich den Vorfall aufgrund der Sage jedenfalls mit dem Zusammenstürzen unterirdischer Schlossanlagen.

Des Weiteren wurde die Sage befeuert durch die Form des Grundstücks. Es war nämlich in der Mitte höher als an den Längsseiten und somit ließ sich vermuten, dass sich darunter ein Gewölbe befinden könnte.

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  • Familie Eduard Ritscherle vor deren Auswanderung nach Amerika Mitte der 1920er Jahre. Foto: Theodor Stengel

Die Rose vom Schweißenberg

„Vor Jahrzehnten haben nach der Überlieferung in manchen Gärten Rosen geblüht, die im Volksmund „Schweißenbergrosen“ genannt wurden.

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Ein Bauer, so wird berichtet, hat vor langer Zeit im Schweißenberg einen Rosenstock ausgegraben und in seinen Garten gesetzt. Es handelte sich keineswegs nur um einen Wildling, sondern vielmehr um eine edle Rosensorte, die allgemein Gefallen fand und bald in vielen Gärten blühte. Im Schweißenberg sucht man heute vergebens nach dieser Rose, weil sie vermutlich von einem Unwissenden ausgehauen wurde, und aus den Gärten ist sie seltsamerweise auch verschwunden, die gefüllte, edle, rotviolette „Schweißenbergrose“, die von solcher Schönheit gewesen sein soll, daß sie auch von einem erfolgreichen Rosenzüchter der Neuzeit nicht schöner gezüchtet und gezeigt werden könnte. Zur Schönheit der Blume gesellte sich nach der Erzählung noch eine Wetterfestigkeit, wie man sie bei Edelrosen nicht oder nur selten findet. Größte Hitze und bitterste Kälte konnten ihr nichts anhaben, und beide hat sie gleichermaßen gut überstanden, draußen im Schweißenberg und in den heimischen Gärten. Wie hätte sie sonst auch die Jahrhunderte, die große Zeitspanne vom Dreißigjährigen Krieg bis vor wenigen Jahrzehnten, überdauern können. Warum man die edle „Schweißenbergrose“ heute nicht mehr findet, weiß niemand so recht zu erklären, und warum man dieses so einmalige Geschenk der Natur nicht unter Naturschutz gestellt hat, wenn man seine Einmaligkeit so früh erkannte, wird wohl immer ein Rätsel bleiben. In der Sage aber dürfte die „Schweißenbergrose“ weiter blühen.“

(Quelle: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach)

Ergänzende Anmerkungen unseres Mitglieds Theodor Stengel in Absprache mit Herrn Kurt Fay, Mitautor des Zeuterner Ortsbuches:

Glücklicherweise kann ich bei dieser Sage etwas mehr Licht in die Sache bringen. Grundsätzlich müssen wir differenzieren zwischen Schweißenbergröschen und Schweißenbergrosen, denn Schweißenbergröschen sind wilde Heckenröschen, die es heute noch auf dem Schweißenberg gibt und mit den Schweißenbergrosen nichts zu tun haben.

Seit Menschengedenken wuchsen an einer einzigen Stelle des Schweißenbergs, auf einer kleinen Böschung genau zwischen den Grundstücken des Karl Friedrich Schroff (Vater von Rosel Barth) und des Metzgermeisters Wilhelm Ritscherle, der den Weinberg von seinem Vater Simon geerbt hatte, diese in ganz Zeutern bekannten Schweißenbergrosen. Die Existenz der edlen Rosen an dieser Stelle führte man darauf zurück, dass diese wohl noch ein Überbleibsel des sich nach der Sage einst dort befindlichen Schlosses seien. Fast alle Zeuterner aus der Generation meines Großvaters (Jahrgang 1902) kannten diese Rosen noch. Als der Sohn von Wilhelm Ritscherle, Eduard, dieses Grundstück von seinem Vater geerbt hatte und mit seiner Familie in den 1920er Jahren zum Onkel seiner Frau, Karl Schmitt (dem Kirchenstifter), nach St. Louis in die USA auswanderte, blühten die Rosen auf dem Schweißenberg immer noch.

In den 1950er Jahren kehrte Eduard aus den USA zurück, um seine Liegenschaften, wie zum Beispiel den Zeuterner Eiskeller und auch dieses Grundstück, zu verkaufen. Ludwig Lanz, dessen Stiefmutter auch zur Ritscherle-Verwandtschaft gehörte, kaufte das Schweißenberg-Grundstück, aber die Rosen waren damals bereits auf unerklärliche Weise verschwunden.

Doch vor zehn Jahren brachte die in diesem Jahr leider verstorbene Frau Rosel Barth, Tochter des Karl Friedrich Schroff, also des ehemaligen Grundstücksnachbarn, eine überraschende Wende in die Sache. Sie sprach mich eines Tages an, weil sie wusste, dass ich ein Haus mit Garten gekauft hatte und sie außerdem wusste, dass ich auch ein Nachfahre der Familie Ritscherle bin. So erzählte sie mir, dass sie in ihrer Kindheit die Schweißenbergrosen noch sehr gut gekannt hatte und diese lange nach deren Verschwinden zufällig in einem Garten in Zeutern entdeckt habe. Spontan sprach sie den Besitzer an und dieser erklärte, dass er vor Jahren die Rosenstöcke auf dem Schweißenberg ausgegraben hätte, um sie in seinen Garten zu pflanzen. Rosel Barth fragte gleich nach Stecklingen, die sie später auch bereitwillig bekam.

So überlebten die Schweißenbergrosen schließlich in ihrem Garten und sie konnte mir auch wieder Stecklinge geben, sodass diese nun seit nunmehr zehn Jahren auch in meinem Garten blühen.

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  • Symbolbild: Wasserguckerin beim Jubiläumsumzug 1200 Jahre Zeutern bei „Flaschners Eck“. Foto: Theodor Stengel

Die Wasserguckerin von Zeutern

„Es sind gerade 100 Jahre vergangen, da hauste in Zeutern eine Frau, die in der ganzen Umgegend unter dem Namen „Wasserguckern“ bekannt war.

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Dieser Frau sagte man eine Art „zweites Gesicht“ nach; jedenfalls betrieb sie mit Hilfe eines Glases Wasser die Kunst des Wahrsagens.

Die Frau machte das so: Sie stellte das mit Wasser gefüllte Glas auf den Tisch, setzte sich davor, wisperte in das Glas hinein, worauf sich das Wasser getrübt hat (wahrscheinlich eine Folge des starken Kalkgehalts). Jetzt aber kommt das Seltsame. Augenzeugen berichteten seinerzeit, daß das Wasser auch manchmal aufgesprudelt sei. Wie das immer so geht, wenn man keine natürliche Erklärung weiß, so geriet die Frau in den Verdacht, mit dem Bösen im Bunde zu stehen. Einige Besucher behaupteten, jedesmal, wenn die Alte im Zimmer die Kunst des Wahrsagens ausübe, schaue der leibhaftige „Gottseibeiuns“ aus dem Speicherfenster heraus. Der Zulauf zur Zeuterner Wasserguckern aus der ganzen Umgebung war groß. Von überall her kamen die Leute, die in die Zukunft sehen wollten. Oft soll der Andrang der Menschen so stark gewesen sein, daß viele wieder umkehrten, um sich ein anderes Mal von der Wahrsagerin beraten zu lassen.

Die Geistlichen in Zeutern, Odenheim, Eichelberg, Elsenz usw. hatten ihre liebe Not mit der Wasserguckern. Ihr Gebaren wurde selbstverständlich als krasser Aberglaube abgetan. Aber die Wasserguckern setzte ihr Gewerbe dessen ungeachtet fort. Die kirchlichen Visitationsberichte beschäftigten sich mehrmals mit der Zeuterner Alten. Jedenfalls wurden die Geistlichen aufgefordert, dem Aberglauben unter dem Volk mit aller Kraft durch die Predigt usw. entgegenzuwirken.

Die Kundschaft der Wasserguckern bestand zum größten Teil aus Liebespaaren, die wissen wollten, ob es zur Eheschließung kommt, wie sich die Ehe, die Zukunft usw. gestalten. Neugierige Mädchen erkundigten sich nach ihrem Zukünftigen. Manche Eltern fragten um Rat, ob der gewählte Ehepartner für ihren Sohn bzw. ihre Tochter der richtige sei. Selbst Geschäftsleute nahmen die Hilfe der Wasserguckern in Anspruch. Sie fragten an, ob ein geplantes oder begonnenes Unternehmen gut ende, ob es sich lohne, in eine Sache Geld hineinzustecken und dergleichen mehr. Geschah irgendwo ein Diebstahl, so fragte man die Wasserguckern um Rat, wie die Angelegenheit aufzuklären sei, wo der Dieb zu finden wäre usw. Die alten Berichte sagen nun, daß die Wasserguckern in manchen Fällen die Wahrheit traf, oder ihr mindestens sehr nahe kam. Irgendwelche Belohnung für ihre Tätigkeit nahm die Alte nicht an. Sie wies es auch weit von sich, mit Kartenlegereien, Zukunftsdeutereien und dgl. in einem Atemzug genannt zu werden. Ihr Wissen, so betonte die Wasserguckern mehrmals, habe sie von innen, aus dem Geist, wie sie sagte. Solche Dinge könne man nicht erwerben, man müsse sie eben haben.

Restlos verbürgt ist eine Geschichte, die einen Wiesentaler Kaufmann betraf. Ihm wurden aus der Kasse 100 Gulden entwendet. Um festzustellen, wer der Dieb sein könnte, entschloß er sich, zur Wasserguckern nach Zeutern zu gehen. In Stettfeld kehrte der Kaufmann auf dem Heimweg bei Verwandten ein und erzählte folgendes: Die Wasserguckern habe ihm erklärt, daß der Dieb die erste Frau sei, der er beim Nachhausekommen begegne.

Was geschah nun in Wiesental? – Die erste Frau, die dem Kaufmann begegnete, war die eigene Frau. Erst zweifelte der Mann an seinem Verstand, dann aber fragte er doch nach dem Geld, und siehe da – die Frau gestand sofort die Wegnahme der 100 Gulden ein. Ob die Wasserguckern von Zeutern aufgrund übernatürlicher Kräfte der Diebin auf die Spur kam oder ob das Ganze ein blinder Zufall war, das zu entscheiden wollen wir dahingestellt sein lassen, weil es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt“.

(Quelle: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach)

Zu dieser Sage ist uns keine weitere Version bekannt.

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  • Stammholzbauern mit Fuhrwerk beim „Scharfen Eck“. Foto: Ortsbuch 1200 Jahre Zeutern, Eugen Hollerbach

Der Brunnengeist vom Scharfen Eck

Die nachstehende Sage hat unser Mitglied Theodor Stengel von älteren Zeuterner Einwohnern erzählt bekommen und gibt sie nachstehend wieder:

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„Die Geschehnisse, die sich vermutlich um das Jahr 1890 kurz vor Allerheiligen zugetragen haben, ließen manchem Zeuterner Einwohner vor Angst und Schrecken das Blut in den Adern gefrieren.

Es geschah in einer Zeit, als die Herbstnebel von der Hardt das Katzbachtal heraufzogen und die uralten, von Fachwerkhäusern gesäumten Gassen Zeuterns geisterhaft durchschweiften. Einer Zeit, in der der neue Wein in den Kellern gärte und durch sein Blubbern unheimliche Geräusche machte. Dessen Gärgase sich den Weg durch die modrigen Ritzen der alten Dielenböden suchte, um in Stuben und Schlafkammern die Köpfe der Bewohner gar leicht zu vernebeln. Also in einer Zeit, wo die Küche zu einem ungemütlichen Aufenthaltsort wurde, da der Herbstwind eiskalt durch den offenen Rauchfang pfiff. Deshalb brutzelte man die allabendliche Mehlsuppe, die man mit „gschwellda Grumbiara und Bibbeleskäs“ aß, in zweitürigen Kastenöfen in den Stuben.

Beim Kühemelken am Abend war es draußen bereits Nacht und neblig. Da es damals noch keine Milchzentrale am Ort gab, wurde die Milch von den halberwachsenen Kindern einer Familie mit einem kleinen Pferdewägelchen zum Weiterverkauf abgeholt. Die finstere Nacht erhellten nur die kaum lichtgebenden Petroleumstraßenlaternen, die vom „Öl-Stiel“, wie man in Zeutern den Laternenmann nannte, mit Hilfe einer kleinen Leiter angezündet wurden.

Diese Kinder sollen die Ersten gewesen sein, denen das Geistwesen beim Dorfbrunnen am Scharfen Eck begegnete. Der Geist schwebte scheinbar jeden Abend, geheimnisvoll größer und kleiner werdend, um den in Nebel gehüllten Dorfbrunnen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die schaurige Geschichte und ein Gruseln erfasste das sonst so beschauliche und aufgeklärte Zeutern. Man hatte ja von Landshausen bereits die unheimliche Kunde vernommen, dass dort des Nachts ein blutüberströmtes Geistwesen ohne Kopf am Röhrenbrunnen seine mit Menschenblut besudelten Schlachtermesser abwäscht und so der Landshäuser Bevölkerung das Gruseln lehrte.

Eltern verboten ihren Kindern, des Abends das Haus zu verlassen und Frauen trauten sich längst nicht mehr aus dem Haus. Schließlich waren auch jene überzeugt, die normalerweise nicht mehr an Geister glaubten. Viele suchten im Gebet zum Heiligen Joseph, dem Schutzpatron gegen böse Geister, ihre Zuflucht.

Die Frauen waren es, die ihre Männer beknieten, dem Spuk ein Ende zu setzen und eine Geisterbeschwörung durchzuführen. Tatsächlich fanden sich drei besonders mutige Männer aus dem Oberdorf, die des Nachts, als der Geist wieder erschienen war, mit sicher mulmigen Gefühlen zur Tat schritten, während ihre Familien vor Angst in ihren dämmrigen Stuben, bei brennendem Wachsstock, im Gebet verharrten.

Die drei Hünen vom Oberdorf näherten sich der furchteinflößenden Erscheinung und sprachen ununterbrochen die Beschwörungsformel:

„Ischs an guda Gaischd, därafa läwa, ischs an besa Gaischd, mussa schdärawa.“ Was bedeutet: „Ist es ein guter Geist, darf er leben, ist es ein böser Geist, muss er sterben.“

Beim Geistwesen angekommen, erhob dieses drohend die Arme und mit lauter, schriller Stimme herrschte es die drei Tapferen an und schrie aus vollem Hals:

„Machd un gehd hóm, i will doch numma mói haiaricha Waibslaid engschdich macha ass dass se owads dahóm blaiwa.“ Dies bedeutet: „Macht und geht nach Hause. Ich will doch nur meinen pubertären Töchtern etwas Angst einjagen, damit sie abends zuhause bleiben.“

So hat sich das furchterregende Geistwesen am Ende als eine um ihre Töchter sehr besorgte Mutter entpuppt.“

Ob die Töchter des vermeintlichen Geistwesens fortan abends zu Hause blieben, ist leider nicht überliefert, aber auch wohl kaum vorstellbar.

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