Erneut konnte der Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V. die Geschichte eines weiteren Gewerbes in Ubstadt-Weiher, Ortsteil Weiher, zusammen mit dem ehemaligen Inhaber Hermann Händel und seinem Mitarbeiter Paul Händel, aufschreiben, und so für die Nachwelt erhalten und Einblicke in die damalige Zeit geben. Der Heimatverein dankt Herrn Hermann Händel und Herrn Paul Händel für dieses Interview und unserem Vorstandsmitglied Beate Harder, die dieses geführt hat.

S’Glaser-Händels!

Selten ist ein Name so sehr mit einem Beruf verbunden wie bei der weitverzweigten Familie Händel in Weiher mit dem Beruf des Glasers. Über vier Generationen war ein enormer Teil der männlichen Familienangehörigen in diesem Beruf und im Familienunternehmen tätig.

Hirschstr. Nr. 41, 50er Jahre
Hirschstr. Nr. 41, 50er Jahre

In der Hirschstraße Nr. 41 (siehe Foto) übte Ferdinand Händel (geb. 1867) seinen Beruf des Glasers in einer einfachen Werkstatt im Schuppen seines Anwesens, das um 1812 erbaut wurde, aus. Seine Ausbildung hat er vermutlich in Mannheim gemacht. Seine vier Söhne, Konrad (1895-1981), Hermann (1897-1993), Johann (1901-1987) und Pius (1908-1994), erlernten nach dem Besuch der Volksschule bei ihrem Vater alle ebenso den Beruf des Glasers und waren wertvolle Mitarbeiter in dem Familienbetrieb.

Die beiden ältesten Söhne, Hermann und Konrad, strebten jedoch nach eigener Selbstständigkeit. Nach der Verheiratung von Hermann Händel mit Karolina geb. Holzer (1898-1963) zog man in Karolinas Elternhaus in die Hauptstraße Nr. 34. Gemeinsam mit seinem Bruder Konrad, Glasermeister und später auch Obermeister der Innung, gründeten sie hier einen eigenen Betrieb. Unter dem Namen Schreinerei und Glaserei „Gebrüder Händel“ eröffneten sie 1927 in der Hauptstraße Nr. 34 ihre Werkstatt in der Scheune des Anwesens. Die Brüder Pius und Johann waren hier auch beschäftigt. Zusätzlich zu der Arbeit im Betrieb unterhielt jeder noch eine Nebenerwerbslandwirtschaft, Vieh wurde zum Eigenverzehr und eine Kuh für das Fuhrwerk gehalten.

Werkstatt Hauptstr. 34
Werkstatt Hauptstr. 34

Produziert wurden überwiegend einfache Fenster, aber auch Türen und Schreinerarbeiten nach Maßanfertigung. Die Produktion erfolgte in Einzelanfertigung in größtenteils Handarbeit und wurde von den Mitarbeitern mit dem Ziehwagen angeliefert und beim Hausbau montiert. Die Anfertigung von Särgen gehörte ebenso zum Geschäft wie die Einsargung der Verstorbenen. Särge wurden aus einfachem Tannenholz hergestellt, schwarz lackiert, für ledige Frauen weiß, und mit dem Handwagen zum Trauerhaus gefahren.

Trotz eines Stundenlohns von 90 Pfennigen, Arbeitszeit von Montag bis Samstag und keinem bezahlten Urlaub in den 50er Jahren, waren die Händel-Buben fleißig und trugen zum Erfolg des Familienbetriebes bei. Während der ganzen Jahre wurden auch immer wieder Lehrlinge zu Gesellen im Glaserhandwerk ausgebildet.

In den 60er Jahren erlebte das Glaserhandwerk einen unwahrscheinlichen Wandel, von der Einfachverglasung, die Jahrhunderte lang in immer gleicher Arbeitsweise hergestellt wurde, ging man nun immer mehr zur Doppelverglasung über. Zum einen war die Wärmedämmung erwünscht, zum anderen wurde die Doppelverglasung auch aus Gründen des Lärmschutzes bevorzugt. Mehrscheiben-Isolierglas besteht aus mindestens zwei Scheiben und einem Randverbund mit Scheibenzwischenraum, der gas- oder luftgefüllt sein kann.

Die 1960er Jahre brachten unserer Gemeinde und der ganzen Bundesrepublik einen ungeheuren Aufschwung, ein Bauboom ohnegleichen füllte den Handwerksbetrieben die Auftragsbücher.

Von re. nach li.: 1. Vorstand des FC Weiher Berthold Händel, Altbundestrainer Sepp Herberger, Dekan Walter Schmitt; anlässlich eines Verbandsspiels zwischen dem FC Weiher und DJK Bruchsal am 3. Dezember 1967
Von re. nach li.: 1. Vorstand des FC Weiher Berthold Händel, Altbundestrainer Sepp Herberger, Dekan Walter Schmitt; anlässlich eines Verbandsspiels zwischen dem FC Weiher und DJK Bruchsal am 3. Dezember 1967

Die Söhne von Konrad, Berthold (geb. 1926), und von Hermann, auch ein Hermann (geb. 1932), erlernten nun schon in der 3. Generation ebenfalls den Beruf des Glasers, Berthold begann seine Lehre im väterlichen Betrieb 1940, Hermann 1946. Sie übernahmen den prosperierenden Betrieb 1974 unter dem Namen „Gebrüder Händel Söhne“. Berthold und Hermann, die 1964 gemeinsam ihre Meisterprüfung vor der Handwerkskammer Karlsruhe abgelegt hatten, teilten sich die Betriebsführung auf. Berthold war für die Produktion der Fenster zuständig, Hermann war auf der Baustelle zur Montage.

In dieser Zeit erfolgten umfangreiche Modernisierungsaktivitäten. Ein beeindruckender Maschinenpark wurde angeschafft und die Fertigung in der neu errichteten Werkhalle in der Hauptstraße Nr. 34 eingerichtet. Schlitzmaschinen, Fräsen, Kreissägen, Schleifautomaten usw. wurden erworben und erleichterten und beschleunigten die Herstellung der Produkte enorm. In den 1970er und 80er Jahren arbeiteten bei „Gebrüder Händel Söhne“ zusätzlich 10 angestellte Mitarbeiter und Auszubildende.

Paul und Beate Händel
Paul und Beate Händel

Paul Händel (geb. 1954) (siehe Foto), Sohn von Berthold, trat als 4. Generation der Glaser-Händels im September 1971 in die Fußstapfen seiner Vorfahren und erlernte ebenso den Beruf des Glasers.

Alle kaufmännischen Arbeiten wie Buchhaltung, Einkauf und Löhne übernahm Rosa Händel geb. Bellm (geb. 1935) (siehe Foto), die Ehefrau von Hermann Händel. Ohne kaufmännische Ausbildung meisterte sie die Herausforderungen des wachsenden Unternehmens und war der gute Geist des Betriebes und die Chefin über die Finanzen.

Hermann u. Rosa Hochzeit 07.07.1956
Hermann u. Rosa Hochzeit 07.07.1956

Die Geschäfte des Betriebes beschränkten sich schon lange nicht mehr auf unsere Gemeinde und die Nachbargemeinden. Bis nach Baden-Baden, Bad Herrenalb und in einem Falle sogar Kanada lieferte und montierte man nun die selbst hergestellten Fenster. Großaufträge wie Behördenbauten, Mietwohnungen und Mehrfamilienhäuser waren begehrt und konnten kapazitätsmäßig gut ausgeführt werden. Nach dem Entschluss, Fenster weiterhin ausschließlich aus Holz herzustellen und nicht in die Kunststoff- und Aluminiumsparte auszuweiten, fertigte man hauptsächlich aus Kiefernholz. Das in den 60er Jahren modern gewordene Meranti-Holz, ein tropisches Hartholz, wurde nun besonders gerne verarbeitet und es entstanden wunderbare dunkle und sehr haltbare Fensterrahmen.

Durch den Entschluss, Fenster im traditionellen Stil weiter herzustellen, wurde die Glaserei Händel auch eine wichtige Adresse für historische Renovierungen. Unter anderem für das Schloss Karlsruhe und Gottesau baute man in den 70er Jahren historische Fenster nach Originalvorbild nach.

Türen stellte man nun nicht mehr selbst her, sondern bezog sie von der Schreinerei Dutzi aus Stettfeld mit der man eine gute Kooperation eingegangen war. Die Angebote erstellten die Geschäftsführer aufgrund der Aufmaßung vor Ort, entsprechend der gewünschten Ausführung.

Die anfallenden Holzspäne verbrannte man im eigenen Späneofen und erzeugte damit die Wärme für Haus und Werkstatt. Die nicht benötigten Späne wurden mittels eines Pressgerätes in kleine Briketts gepresst.

Zu jeder Zeit erledigten die „Gebrüder Händel Söhne“ immer noch die verantwortungsvolle Aufgabe der Bestatter in Weiher. Hatte man zuerst die Särge noch mit dem Handwagen angeliefert, stand bereits seit den 50er Jahren ein Pritschenwagen zur Verfügung. Nach dem Bau der Aussegnungshalle hatte man einen PKW-Anhänger für den Transport der Särge angeschafft, da die Aufbahrung nicht mehr im Hause der Verstorbenen erfolgte.

Nicht zuletzt war der Betrieb stetige Anlaufstelle der Jugend und vor allem deren Väter, wenn es gegen Herbst ging und Drachen gebaut werden sollten. Die „Lättlen“ für die Unterkonstruktion der selbstgebauten Windspiele holten Generationen beis Glaser-Händels.

Die Familie Händel hat ihre gesellschaftliche Verpflichtung in der Gemeinde schon immer sehr wichtig genommen und viele Familienangehörige haben sich im Ehrenamt in Vereinen, als Gemeinderäte oder Pfarrgemeinderäte, engagiert.

Berthold Händel
Berthold Händel

Bei einem schlimmen Arbeitsunfall 1987 verlor Bertold Händel (siehe Foto) Daumen und 2 Finger seiner rechten Hand und musste aufgrund dessen aus dem Betrieb ausscheiden. Ebenfalls in dieser Zeit musste Paul Händel, Bertholds Sohn, gesundheitsbedingt seinen Beruf aufgeben. Viele Jahre plagte er sich bereits mit einer Holzstauballergie herum, die durch den Einsatz des Meranti-Holzes noch verstärkt wurde.

Hermann und Rosa
Hermann und Rosa

Hermann Händel führte anschließend das Unternehmen alleine weiter bis dann altersbedingt 1993 die komplette Betriebsaufgabe erfolgte. Nun konnte das Ehepaar Hermann und Rosa Händel (siehe Foto) endlich ihrem großen Hobby, dem Reisen, nachgehen und schauten sich gerne die Welt an.

Berthold Händel verstarb am 06.12.2007, Rosa Händel am 18.03.2019, aber Hermann Händel hat eine schöne neue Heimat im Seniorenzentrum „Am Pfarrberg“ gefunden mit einem wunderbaren Blick über den ehemaligen Burghügel des Adelsgeschlechtes „derer von Wilre“, das unserem Ort den Namen gegeben hat. Herr Händel erzählte mit großer Freude von seinem Berufsleben und wir bedanken uns ganz herzlich für diesen Einblick in ein weiteres Gewerbe, das es heute nicht mehr gibt.

Wenn auch Sie dazu beitragen möchten, dass altes Handwerk und die Geschichte unserer ehemaligen Geschäfte in Ubstadt-Weiher nicht vergessen werden, so würden wir uns freuen, wenn Sie mit uns Kontakt aufnehmen.

Veröffentlicht im Mai 2020

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