Der Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V. konnte die Geschichte eines weiteren Handwerks in Ubstadt-Weiher, Ortsteil Weiher, zusammen mit der ehemaligen Inhaberin Frau Irma Holzer aufschreiben und so für die Nachwelt erhalten und Einblicke in die damalige Zeit geben. Der Heimatverein dankt unserem Mitglied Frau Irma Holzer für dieses Interview und unserem Vorstandsmitglied Beate Harder, die dieses geführt und wie folgt aufgeschrieben hat.

 
„Haute Couture in Weiher!“

Im Sommer des Jahres 1952 eröffnete die blutjunge Irma Weimann verheiratete Holzer in der elterlichen Wohnung in Weiher in der Hauptstraße 38 ein Schneidergeschäft für Damenoberbekleidung.

Irma Weimann wurde am 07. Juni 1934 in Weiher geboren. Zusammen mit ihrer um vier Jahre älteren Schwester wuchs sie in einem behüteten Haushalt auf. Sie entwickelte sich schnell zu einer selbstbewussten jungen Dame, die nach Abschluss der Volksschule ihrer Mutter erklärte, dass sie unbedingt eine Ausbildung als Schneiderin machen will.

Dieses Unterfangen gelang auch. Nach einigen Umwegen erhielt Irma Weimann eine Ausbildungsstelle beim Schneiderbetrieb Böhringer in Karlsruhe und begann 1949 ihre Lehre als Damenoberbekleidungsschneiderin. Ihre Chefin Frau Rosa Böhringer war gleichzeitig Innungsmeisterin der Schneiderinnung Karlsruhe. Sie war eine strenge und harte Meisterin, aber ihr umfangreiches Wissen gab sie an die Lehrlinge weiter und die Mädchen eigneten sich sehr gute Kenntnisse an.

Irma Weimann hatte also erreicht was sie wollte, eine harte und entbehrungsreiche Zeit sollte beginnen. Mit einem Wochenlohn von 5 Mark im ersten Jahr, der sich pro Lehrjahr um 2 Mark steigerte, musste die Fahrkarte nach Karlsruhe finanziert werden. In Ermangelung eines Fahrrads musste die junge Irma zu Fuß zum Bahnhof Ubstadt laufen ebenso wie vom Hauptbahnhof in Karlsruhe an ihre Lehrstelle in der Seminarstraße.

Doch ihr Enthusiasmus ließ sich durch nichts bremsen, sie arbeitete sich durch die harten Lehrjahre, ging gleichzeitig zur Gewerbeschule in Karlsruhe und lernte voller Interesse die Handwerkskunst der sie sich verschrieben hatte. Ob Knopfloch, Reißverschluss, Hohlsaum, Glockenrock oder Bahnenrock, Biesen oder Falten, Schößchen oder Bleistiftrock, sie konnte alles.

Im April 1952 legte sie vor der Kammer die Gesellenprüfung mit der Note „gut“ ab und war noch kurz bei der Fa. Böhringer beschäftigt, die jedoch die Auswanderung nach Amerika planten und auch durchführten.

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Fotos: Archiv Heimatverein Ubstadt-Weiher

Irma Weimann eröffnete daher noch im gleichen Jahr in Weiher in der „guten Stube“ der Eltern ihren Schneiderbetrieb. Durch ihr jugendliches Alter entstanden aber einige bürokratische Hürden. Zu dieser Zeit wurde man ja erst mit 21 Jahren volljährig, außerdem durften Mädchen und Frauen ohne Zustimmung des Vaters, Ehemanns oder Bruders keine berufliche Tätigkeit annehmen. Also musste der Vater Herr Ludwig Weimann auf das Amtsgericht nach Bruchsal, seine umtriebige Tochter für volljährig erklären lassen und seine Zustimmung zur Eröffnung des Handwerkbetriebes geben. Das Geschäft schlug in Weiher mit einem Erfolg ein, den sich die junge Irma Weimann wohl in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen konnte. In den Jahren des Wirtschaftswunders als die Menschen über ein gutes und geregeltes Einkommen verfügten, war der Wunsch der jungen Damen nach modischer Kleidung nachzuvollziehen. Von Anfang an war daher der Schneiderbetrieb der absolute Treffpunkt der jungen Damen des Ortes. Mit ihren Burda- oder Brigitte-Modejournalen kamen sie zu Irma Weimann, ließen sich beraten, ausmessen und bestellten gleich ein neues Kleid bei der fähigen Schneiderin. Irma Weimann konnte nach eigenen Entwürfen ohne Zuhilfenahme von Schnittmustern die Kleider entwerfen und schneidern (s. Foto). Der Stoff wurde von den Kundinnen gebracht, das Anfertigen des Kleides kostete 15 DM.

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Fotos: Archiv Heimatverein Ubstadt-Weiher

Ihr besonderes Geschick zeigte sie bei der Anfertigung von Hochzeitskleidern sowie den extravaganten Roben der Ehren- und Festdamen (s. Foto). Für ein hochwertiges Festdamenkleid oder ein aufwendiges Brautkleid erhielt sie 25 DM. Auch ihr eigenes Brautkleid schneiderte sie selbst.

Montags wurde zugeschnitten und anprobiert, ab Dienstag surrte dann die Nähmaschine, die anfangs noch per Muskelkraft angetrieben wurde. Später schaffte sich die junge Schneiderin dann eine elektrische Nähmaschine an, die das Ganze noch etwas erleichterte. Freitag war der Tag der Abholung der Kleider, das war ein Jubel und Gelächter, da traf man sich, hier war man „IN“.

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Fotos: Archiv Heimatverein Ubstadt-Weiher

Bis zu 3 Kleider konnte Irma Weimann in einer Woche fertigen (s. Foto Mädchenkleider). Wenn die Arbeit zu viel wurde, sprang auch mal die Mutter Frau Johanna Weimann geb. Wagner helfend ein.

Garne, Knöpfe, Spitzen und sonstiges Zubehör bezog man über fahrende Händler. Diese besuchten die junge Schneiderin regelmäßig mit ihren Musterkoffer und freuten sich über reiche Bestellungen.

Frau Holzer zahlte in den Jahren ihrer Selbständigkeit einen geringen Rentenversicherungsbetrag ein, daraus erhält sie heute eine kleine Rente.

Irma und Rudolf Holzer heirateten 1955 und zogen in die Hirschstraße. Nach der Geburt der ersten Tochter Jutta 1957 und der zweiten Tochter Ulrika 1962 musste Irma Holzer etwas kürzer treten, doch noch immer war das Schneidern ihr ganzes Leben und ihre Freude. Auch nach der offiziellen Aufgabe des Geschäfts nähte Irma Holzer gerne noch für die Familie und Freunde. Diese hat sich unser Mitglied bis ins hohe Alter erhalten und ist immer noch eine sehr aktive und lebhafte Dame.

Wenn auch Sie dazu beitragen möchten, dass altes Handwerk und die Geschichte unserer ehemaligen Geschäfte in Ubstadt-Weiher nicht vergessen werden, so würden wir uns freuen, wenn Sie mit unserem Vorstandsmitglied Beate Harder, Tel.Nr. 07251/61569 Kontakt aufnehmen würden.

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