Von Beate Harder

Vollversorger, Einkaufszentrum, Supermarkt… so würde man heute wohl das 1920 von Josef Gärtner, Blechner und seiner Ehefrau Magdalena geb. Bellm gegründete Unternehmen bezeichnen.

In dem im Jahre 1920 neu errichteten Geschäftshaus „Kaufhaus Gärtner“ in der Schulstraße in Weiher wurde bereits von Anfang an alles angeboten, was die Einwohnerschaft von Weiher benötigte. Lebensmittel, Haushaltswaren, Werkzeuge, Schrauben, Nägel sowie Baustoffe und Zement konnten die Bürger erwerben und waren auch auf dieses große Angebot angewiesen, da niemand ein Fahrzeug hatte um in andere Orte oder Städte zu fahren. Zudem betrieb Josef Gärtner auch noch eine Blechnerei.

Das Geschäft wurde von Anfang an gut angenommen und beschäftigte zeitweise 4 Mitarbeiterinnen. In der Blechnerei waren außer Josef Gärtner auch mehrere Männer als Aushilfen beschäftigt. Selbstverständlich war die ganze Familie involviert und hat damit zum Erfolg beigetragen. Zusammen mit der Blechnerei war gewährleistet, dass sich die vierköpfige Familie davon ernähren konnte.

Während des Krieges war die Versorgungslage nicht einfach und der Einkauf gestaltete sich mühsam und aufwändig. Zudem kam dann auch noch die komplizierte Abwicklung mit Lebensmittelkarten.

Christine und Manfred Gärtner
Archiv: Heimatverein Ubstadt-Weiher

Im Jahre 1952 heiratete Sohn Manfred Gärtner Christine geb. Simianer aus Hambrücken. Nach dem schnellen und frühen Tod der Mutter im Jahre 1951 und des Vaters 1952 übernahm Manfred Gärtner und seine Ehefrau Christine das Unternehmen (s. Fotos). Manfred Gärtner hatte den Beruf des Einzelhandelskaufmanns erlernt, seine Ehefrau, den Weiherern als „Christel“ bekannt, hatte eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert.

Nachdem Manfred Gärtner im Jahre 1958 während eines Fortbildungslehrgangs neue innovative Ideen vorgestellt bekam, setzte er diese anschließend schnell um und kann sich rühmen, in Baden-Württemberg eines der ersten Geschäfte mit Selbstbedienung gewesen zu sein. Nicht allen Kunden des Geschäftes fiel es leicht, sich auf die geänderten Modalitäten einzustellen. So wollten einige ältere Damen ihre Einkäufe partout nicht in den dafür vorgesehenen Einkaufskorb legen, sondern bevorzugten ihre Schürze.

In diese Zeit fiel auch die Erweiterung des Kellers, der in ein volles Untergeschoß ausgebaut werden musste. Dort wurden nun die Haushaltswaren, Spielsachen und Werkzeuge angeboten. Im Erdgeschoß waren die Lebensmittel in ansprechender Selbstbedienungssortierung aufgelegt. Jetzt war durch das nicht mehr nötige Abwiegen und Eintüten der Ware auch weniger Personal nötig, so war man nun nur noch mit 2 fest angestellten Mitarbeiterinnen zugange. Vor Festtagen konnte man jedoch auch auf mehrere Aushilfen zurückgreifen.

Den Einkauf übernahm Manfred Gärtner, zunächst mit seinem dreirädrigen Lieferwagen „Tempo“, später mit einem Mercedes, war er bis nach Karlsruhe zum Großmarkt unterwegs. Da in Weiher noch wenige Kraftfahrzeuge ihren Besitzer fanden, war es dabei üblich, dass man bei Manfred Gärtner mitfahren durfte. Obst und Gemüse bezog man auch gerne in der Gärtnerei Steinmetz in der Lußhardtsiedlung. Mehl wurde in der Lutz-Mühle in Zeutern eingekauft. Für den übrigen Einkauf war man der Einkaufsgemeinschaft „Kaisers Kaffeegeschäft“ und später „EDEKA“ angeschlossen.

Werbung machte man seinerzeit gerne und günstig durch die Ortsrufanlage. Wenn Manfred Gärtner ein besonderes Angebot vom Großmarkt mitbrachte, konnte es schon mal sein, dass dies baldigst durch die Rufanlage der Bevölkerung mitgeteilt wurde und diese ihre Schnäppchen machen konnten. Sollte einmal ein Kunde etwas knapp bei Kasse gewesen sein, war Christel Gärtner auch jederzeit bereit, einmal anzuschreiben. Für die Kinder stand immer ein „Gutselglas“ auf dem Tisch, woraus sich diese bedienen durften. Familie Gärtner gab auch Rabattmärkchen aus, ein voll geklebtes Heftchen hatte immerhin einen Wert von DM 1,50. Das entsprach ungefähr einem Nachlass von 3 %. In den Jahren 1969 – 1972 wurde auch eine junge Dame aus Weiher zur Einzelhandelskauffrau ausgebildet, sie blieb dem Unternehmen mit kurzen Unterbrechungen bis zur Schließung 1981 treu.

Viele ältere Einwohner werden sich auch noch daran erinnern, dass bei „Gärtnermanfreds“ die Wurstdosen nach der Hausschlachtung mit einer speziellen Maschine verschlossen werden konnten. Die Dosen wurden beim Verzehr mit einem Dosenöffner geöffnet und konnten bis zu 2-3 Mal wiederverwendet werden.

Eine weitere, sich für uns heute sonderlich anhörende Dienstleistung bot die Blechnerei zu den sonstigen Tätigkeiten noch an: man konnte seine undicht gewordenen Bettflaschen zum löten bringen.

Verkaufsoffener Sonntag
Archiv: Heimatverein Ubstadt-Weiher

Ein Höhepunkt des Jahres war auch für das Kaufhaus Gärtner der verkaufsoffene Sonntag an Kerwe im September (s. Foto). In der Schulstraße wurde dazu ein schöner Teil der Verkaufsware ansprechend aufgebaut und die Bewohner konnten sich in aller Ruhe vom Ölofen über Geschirr bis zu Spielzeug informieren und einkaufen. Auf dem Nachhauseweg kaufte man hier auch noch unbedingt die „Mohrenköpfe“ ein.

Das Thema Abfallverwertung und Verpackungsmüll war zu dieser Zeit noch nicht relevant. Das meiste war in Papier verpackt, Obst und Gemüse wurden in alte Zeitungen gewickelt. Papier verbrannte man im heimischen Herd und um Plastik musste man sich noch nicht sorgen. Der übrige Müll wurde 1–2 mal im Jahr nach Ubstadt ins „Schuttloch“ gefahren.

Kaufhaus Gärtner Total-Ausverkauf
Archiv: Heimatverein Ubstadt-Weiher

In den 70er Jahren, als immer mehr Bürger über ein Auto verfügten, war der erste große Umsatzeinbruch, der sich durch die Eröffnung des Verbrauchermarktes „Globus“ noch verstärkte. Ende 1980 entschied sich Familie Gärtner daher, das Geschäft zu schließen und sich nur noch dem bereits erfolgreich laufenden Tenniscenter zu widmen. Manfred Gärtner verstarb leider viel zu früh am 25.07.1981. Christel Gärtner erfreut sich noch bester geistiger und körperlicher Gesundheit.

In Weiher denkt man gerne an die Zeit zurück, einkaufen bei’s „Gärtnermanfreds“ ist eine schöne Kindheitserinnerung und die Gummibärlen und Gutselen schmecken heute noch.

Der Heimatverein Ubstadt-Weiher dankt Frau Christel Gärtner sehr herzlich für ihre Bereitschaft, das Interview mit unserem Mitglied Beate Harder zu führen und zu veröffentlichen wie auch für die Überlassung der Fotos. Das Gespräch fand im Januar 2018 statt.

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