Während des Krieges und in Zeiten der Armut

Von Maria Staudt

Um 1860 gründete der Schuhmacher Andreas Müller in seinem Heimatort Stettfeld eine Schuhmacherei. Zu dieser Zeit gab es noch kaum industrielle oder gewerbliche Betriebe, die den Menschen Lohn und Brot zusichern konnten, daher war es überaus wichtig, dass die Männer ein Handwerk erlernten. Was davor war, ist nicht bekannt. Unterstützt wurde Andreas Müller immer wieder von Schuhmachern auf der Walz. Diese umherziehenden Handwerker bekamen damals als Lohn eine Bettstatt, Verpflegung, und obendrein noch ein kleines Taschengeld. Im Angebot der Schuhmacherei waren zahlreiche Dienstleistungen rund um das Schuhwerk: Reparaturen aller Art, wie z.B. neue Absätze, neue Besohlung, Flicken, Nähen, Ausspannen, neues Fersenfutter, neue Brandsohlen und so weiter. Geworben wurde nur mittels „Mund-zu Mund-Propaganda“.

Friedrich Kreiner
Foto: Archiv Heimatverein

Friedrich Kreiner wurde 1861 in Eppelheim bei Heidelberg geboren. Nach der Schuhmacherlehre um 1878 ging auch er als Schuhmacher auf die Walz und wurde bei Andreas Müller vorstellig, um bei ihm zu arbeiten. Später wurde er der Lebensgefährte der einzigen Tochter von Andreas Müller, Maria Sapandowski.

Nach dem Tod von Andreas Müller übernahm er dessen Schuhmacherei. 1906 wurde Sohn Eugen geboren und im Alter von 14 Jahren von seinem Vater Friedrich Kreiner ebenfalls im Schuhmacherhandwerk ausgebildet. Der Lohn war ein geringes Taschengeld. Nach der Lehre arbeitete er weiterhin im väterlichen Betrieb. Im Jahre 1939 wurde Eugen Sapandowski zum Kriegsdienst einberufen.

Eugen Sapandowski
Foto: Archiv Heimatverein

Während des Krieges führte Friedrich Kreiner – damals bereits im betagten Alter von 78 Jahren – so gut es eben ging, denn meist hatte man kein Material, die Schuhmacherei weiter. Lebensgefährtin Maria starb 1942 im Alter von 73 Jahren. Neben der Schuhmacherei hegte und pflegte Friedrich Kreiner noch den Garten und baute Kartoffeln an. Auch seine Enkelkinder, Kleinkind Maria (1938 geboren) und Heinz (1933 geboren), versorgte und hütete er, während die Mutter bei der Arbeit war.

Eugen Sapandowski kam 1945 vom Kriegsgeschehen nach Hause. Von 5 Jahren Russland-Krieg, Verwundungen durch einen Bauchschuss, Lazarett und Gefangenschaft schwer gezeichnet und gesundheitlich angeschlagen, übernahm er die Schuhmacherei seines alten Vaters. Zwei Jahre später, 1947 starb sein Vater Friedrich Kreiner im damals begnadeten Alter von 86 Jahren. Aber nicht bevor er sechs Wochen vor seinem Tode noch alleine, mit der bloßen Hand und einer Harke ausgestattet, die Kartoffeln aus sieben Ar einholte und sie mit dem Schubkarren nach Hause fuhr. Es gab damals nur wenige und recht kleine Kartoffeln, denn man hatte keine neue Saat und auch keine Düngemittel.

Maria Sapandowski jun. vor dem Schuhmacherhäuschen
Foto: Archiv Heimatverein

Wenn die Leute wenig oder gar kein Geld hatten, holten sie die Schuhe einfach nicht ab. Da der Schuhmacher das Geld aber dringend brauchte um neues Material zu kaufen, mussten Eugens Kinder, zuerst Heinz und später auch Maria nach der Schule die Schuhe zur Kundschaft bringen. Sie machten das gerne, denn meistens bekamen sie eine 5-Pfennig Münze extra und so hatten die Kinder immer ein wenig Taschengeld. Manche Kunden, die zeitweise gar kein Geld hatten oder es für Lebensnotwendiges brauchten, bedienten sich schon damals einer auch heute noch bekannten Finte und fragten einfach: „kannst du auf 100 DM herausgeben?“

Eine ganz besonders arme Frau, deren Mann arbeitslos war und die fünf Kinder hatten, brachte die ganze Familie durch mit dem bisschen Geld, das sie fürs Putzen bekam. Als sie Schuhe zum Reparieren brachte, fragte sie den Schumacher, ob sie jede Woche 50 Pfennige abbezahlen könne. Sie würde auch erst wieder Schuhe zum Reparieren bringen, wenn die alten Schuhe abbezahlt sind. Der Schuhmacher willigte ein. Er schrieb nicht einmal an, auch überprüfte er nicht die Wochen, bis die Schuhe fünfzig-pfennigweise abbezahlt waren. Hat die Frau wieder Schuhe zur Reparatur gebracht, wusste Eugen Sapandowski, dass die alten Schuhe jetzt abbezahlt waren. Der Schuhmacher vertraute ihr ohne jegliche Bedenken, denn er wusste genau, dass sie sich nie etwas Unrechtes nachsagen lassen würde.

Der Abfall der bei der täglichen Arbeit anfiel, wurde spätabends verbrannt, damit die Nachbarschaft von dem beißenden Geruch nicht belästigt wurde.

Auch der Sohn von Eugen Sapandowski, Heinz, geboren am 8.10.1933 in Stettfeld, lernte bei Innungsmeister Karl Binder in Bruchsal das Schuhmacherhandwerk. Heinz verdiente im ersten und zweiten Lehrjahr drei DM und im dritten Lehrjahr fünf DM in der Woche. In der „Schieberzeit“ 1946/47 hing bei der Schuhmacherfamilie des Öfteren der Haussegen schief. Und zwar jedes Mal dann, wenn die Frau kochen wollte und die Eier waren weg, welche die eigenen Hühner gelegt hatten. Die wurden vom Schuhmacher heimlich gegen Material eingetauscht, damit er wieder arbeiten konnte.

Eugen Sapandowski starb ziemlich jung, 1962, im Alter von nur 56 Jahren. Dieser Umstand war sicherlich auch den Folgen des Krieges zuzuschreiben.

Früher durften Handwerker nicht in die Rentenkasse einbezahlen. Um sich finanziell abzusichern, musste eine Lebensversicherung abgeschlossen werden. Das jedoch konnten sich die meisten auch nicht leisten. So auch Friedrich Kreiner nicht, was zur Folge hatte, dass er von der jüngeren Generation mit versorgt werden musste. Darum wuchs auch das Bedürfnis bei Friedrich Kreiner, sich bis zu seinem Tode nützlich machen zu müssen.

Eugen Sapandowski hingegen hatte eine Lebensversicherung, doch diese wurde durch die Währungsreform 1948 so sehr abgewertet, dass von dem großen Geld, das man bei der Auszahlung hoffnungsvoll erwartete und welches man sich so mühselig vom Mund absparen musste, nicht mehr viel übrig blieb.

Heinz Sapandowski
Foto: Archiv Heimatverein

Sohn Heinz arbeitete später bis zu seinem Ruhestand als Schuhmacher bei der Bereitschaftspolizei in Bruchsal. Nebenberuflich reparierte er bis kurz vor seinem Tod noch die Schuhe der alten Kundschaft seines Vaters Eugen. Mit dem Tode von Heinz Sapandowski am 18.10.2014 endete eine vier Generationen währende Schuhmacher-Tradition in Stettfeld.

Nach dem Tod von Eugen und nach einer kurzen Zeit der Vermietung und dem anschließenden Verkauf des kleinen Schuhmacherhäuschens, wurde dieses vom neuen Eigentümer abgerissen.

Am 29.03.2018 in Stettfeld aus der Erinnerung von Maria Staudt geborene Sapandowski, Tochter von Schuhmacher Eugen Sapandowski.

 

Zugehöriger Filmbeitrag bei KraichgauTV, 11. Juni 2018


Mit freundlicher Genehmigung von KraichgauTV

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