von Emil Machauer

Zur Erforschung der Brunnenstraße hat sich unter der Leitung der Ortsteilvertreterin von Weiher im Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V., Ursula Hohl, eine Vorbereitungsgruppe gebildet. Dieser gehörten an: Artur Herzog, Irene Klein, Emil und Gisela Machauer und Karlheinz und Anita Mayer. Sie haben viele Zeitzeugen befragt und oft bis ins kleinste Detail recherchiert, wofür ihnen der Heimatverein herzlich dankt!

Unser Mitglied, Brunnensträßler Karlheinz Mayer, hat zudem dem Heimatverein seine bereits im Jahr 1991 gesammelten Informationen über die Brunnenstraße zur weiteren Verwendung angeboten.

Der Heimatverein Ubstadt-Weiher dankt seinem Mitglied Emil Machauer für seine Bereitschaft, den Bericht „Erinnerungen an die Weiherer Brunnenstraße“ zu verfassen. Dies beinhaltete umfangreiche Recherchen und aufwändige Arbeit! So hat er durch Sicht alter Archivbücher viel Historisches über die Brunnenstraße belegbar zusammengetragen, auf das später einmal künftige Generationen zurückgreifen und weiter fortführen können.

Der Verfasser dieses Berichts dankt Allen, die mit Rat und Tat, mit Fotos und historischen Hinweisen bei der Erforschung der Weiherer Brunnenstraße mitgewirkt und so für die nachkommenden Generationen einen Beitrag dazu geleistet haben, das Wissen um die Geschichte und das Leben in der Brunnenstraße zu erhalten. Insbesondere dankt er der Gemeinde Ubstadt-Weiher für die vielfältige Unterstützung bei seinen Recherchen. Hier ein Bild des Arbeitskreises.

 

Vorbemerkung zur Lage und zum Namen der Brunnenstraße

Im Jahre 1401 wurde das Brunnengewann belegt durch den Zinsbucheintrag: „1 Acker hinder dem brunnen an dem dorff“. In einer Urkunde vom 2. Februar 1616 wird von „1 Viertel Acker In der brünts“ berichtet. Die Brunnenstraße ging bis zur Feststellung des Ortsbauplanes durch den Bezirksrat am 15. September 1925 (später ab 01. September 1939 Landratsamt Bruchsal) auf der rechten Seite von der Hauptstraße gesehen bis zum Haus Nr. 42 und auf der gegenüberliegenden Seite bis zum Haus Nr. 31.

Die Verlängerung der Brunnenstraße bis zur Heerstraße wurde nach Aussagen älterer Einwohner dann die „Nei Gass“ genannt.

Vielfach sind heute noch in der Brunnenstraße Häuser mit ihren ursprünglichen Fassaden zu sehen. Die Brunnenstraße bildete „die Grenze“ zwischen dem „Unterdorf“ und dem „Oberdorf“, wobei die Seite mit den geraden Hausnummern dem „Unterdorf“ zugeordnet wurde, die ungeraden Hausnummern dem „Oberdorf“.

Fronleichnam vermutlich 1965
Foto: Archiv Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V.

Eine mögliche Erklärung ist, dass die frühere Brunnenstraße genau auf die Kirche zulief und somit als die „Mitte des Ortes“ gesehen wurde (s. Foto links Fronleichnam vermutlich 1965). Diese bildet auch heute noch die Grundlage für die Aufteilung der Mannschaften „Unterdorf“ gegen „Oberdorf“ bei den Sportfesten des FC Weiher um den „Schneckenpokal“. Deshalb kam es dazu, dass „Brunnensträßler“ gegeneinander spielten, je nachdem ob sie in Häusern mit geraden oder ungeraden Hausnummern wohnten.

Zeitzeugen berichten außerdem, dass noch bis in die 50er Jahre in der Brunnenstraße in den Scheunen Tabak aufgefädelt und dabei alte Volkslieder gesungen wurden. Außerdem war es bis Anfang der 60er Jahre üblich, dass man zusammen mit den Nachbarn abends immer mit dem „Moschthäffele“ auf der Bank vor dem Haus gesessen hat.

In und um die Brunnenstraße gibt es noch das „Gängel“, „Katzergängel“ und „Stickl“. Als „Gängel“ bezeichnet man den Verbindungsweg von der Brunnen- zur Schulstraße zwischen den Haus Nr. 25 und 27.

Entlang der hinter den Häusern der Brunnenstraße gelegenen Gärten, beginnend mit dem Haus Nr. 62 bis vor zur Nr. 34 und dann Richtung Zigarrenfabrik Neuhaus, befindet sich der Abkürzungsfußweg zur Heerstraße und wird „Katzergängel“ genannt. Der Name ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass sich auf diesem sehr schmalen Fußweg (rechts die Häusergärten der Brunnenstraße und links die Gärten der Hirschstraße) nachts besonders viele Katzen aufhalten. Zeitzeugen berichten, dass man das „Katzergängel“ auch „Bussierwegel“ genannt hat, weil sich dort nachts die verliebten Paare getroffen haben.

Vor der späteren Umlegung der Hauptstraße begann das frühere 129 Meter lange „Stickl“ von der Brunnenstraße her beim damaligen Haus Nr. 4a und führte dann gerade ca. 38 Meter bis zur Zigarrenfabrik Albert Böser.

„Stickl“ 25 jähriges Priesterjubiläum von Pfarrer Vogel am 23.04.1950
Foto: Archiv Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V.

(Das Foto links wurde anlässlich des 25jährigen Priesterjubiläums von Pfarrer Vogel am 23. April 1950 aufgenommen. Hinten im Bild der Eingang zum „Stickl“, ganz hinten die Zigarrenfabrik Albert Böser. Man beachte den Straßenzustand.) Dort ging es in einer 90-Grad-Biegung links entlang der Zigarrenfabrik und dann in einem weiten Bogen rechts in Richtung Hirschstraße. Von diesem Weg zweigten noch vor dem Anwesen Böser zwei ganz enge, höchstens 75 cm breite, „Fußweglen“ ab, die durch private Gärten führten. Das erste führte zum Hintereingang des Gasthauses „Zum Goldenen Hirsch“ und das zweite zur Bäckerei Rudolf Herzog und diente als Abkürzungsweg. Ein weiteres drittes Gässchen ging direkt am Ende des Anwesens Böser nach rechts, weiter zur Hirschstraße östlicher Teil. Auf dem weiteren Weg des „Stickl‘s“ in Richtung Hirschstraße/Ritterstraße ging links eine Abzweigung zur Zigarrenfabrik Neuhaus, weiter zum „Katzergängel“ und zur Brunnenstraße zwischen den Häusern Nr. 30 und 34. Durch die Verlegung der Hauptstraße und dadurch bedingten Abriss der damals zur Brunnenstraße gehörenden Häusern Nr. 2 (im Hof der zur Hauptstraße gehörenden damaligen Bäckerei Albrecht), 4, 6 und 8 musste auch ein Teil des „Stickl“ bis zum Anwesen Böser weichen. Heute besteht das „Stickl“ noch im Urzustand von der Hirschstraße her und endet beim Raumausstattergeschäft Toni Schäfer (Hauptstraße 81).

 

Der nachfolgende Bericht beginnt nun mit den geraden Hausnummern

Im Haus Nr. 4 war Anfang der 70er Jahre für kurze Zeit der Textil- und Kurzwarenladen von Alwine Blaich. Im Rahmen der Ortskernsanierung wurden die Häuser Nr. 4 und Nr. 4a (heute Hauptstraße Nr. 100) abgerissen. An gleicher Stelle wurde ein Gebäude mit Wohnungen errichtet, in dem sich heute auch die Metzgerei Schenk und die Bäckereifiliale Gerweck befinden.

Im Haus Nr. 6 befand sich die Zigarrenfabrik von Albert Böser, die er 1923 von dem Vorbesitzer übernommen hatte. Derzeit liegen keine belegbaren Informationen darüber vor, wer Vorbesitzer dieser Firma war und wie diese hieß. Ab 1955 befand sich die Bijouterie-Fabrik GmbH (Hinweis: Herstellung von Schmuck) in dem Anwesen.

Brunnenstr. 10 1924 Sebastian Händel mit Fuhrwerk
Foto: Archiv Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V.

In dem 1892 erbauten Haus Nr. 10 wohnte der 1881 geborene „Vieh-Geburtshelfer“ Sebastian Händel. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, wurde er gerufen, wenn ein Großvieh eine schwierige Geburt hatte. Zeitzeugen erinnern sich an die Erzählungen ihrer Eltern, dass er in der Zeit um 1910 täglich mit seinen zwei Bernhardiner-Hunden die Milch zum Bahnhof Ubstadt gefahren hat. Foto von li. nach rechts: Josef Händel, Franziska Herrling geb. Händel, „Hirsch-Klaus“ (Wirt vom Gasthaus zum goldenen Hirsch), Sebastian Händel („Milichbaschdl).

Ein Fahrrad- und Motorradreparaturgeschäft befand sich von 1935 – 1941 im Haus Nr. 14, das Karl Habich gehört hat.

In dem 1867 erbauten Haus Nr. 16 wohnte der Großhändler Emil Böser („Kohler-Emil“). In einer Werbeanzeige von 1951 stand: „Verkauf von Landesprodukte, Rauhfutter, Düngemittel, Kohlen-, Koks- und Briketthandlung“. Sein Sohn Paul führte von 1959 bis 1984 das Geschäft fort. Mit seinem Lkw fuhr er auch Baumaterialen und Heizöl aus. Über viele Jahre hat er mit diesem Lkw kostenlos die Motorräder des damaligen MSC Weiher – Motorsportclub zu dessen Spielen gefahren.

Im Haus Nr. 18 wohnte Franz Barth, der ab 1937 bis zu seinem frühen Tod 1945 eine Sandgrube nördlich von Weiher auf der Gemarkung Stettfeld betrieben hat. Gleichzeitig hatte er auch ein Fuhrunternehmen. Zuerst transportierte er den Sand mit seinem Kuhfuhrwerk und später mit dem „Lanz-Bulldog“. Es war der erste Traktor in Weiher, daher sagt man zu der Familie auch „Bulldogs“.

Brunnenstr. 22
Foto: Archiv Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V.

Im Haus Nr. 22 war die Schmiede von Schmiedemeister Franz Heneka. Als dieser verstarb, wurde die Schmiede abgemeldet, aber von seinem Sohn Egon („Schmids Egon“) weiter für Gelegenheitsarbeiten betrieben. Es wurden Pferde und Kühe beschlagen und Hufe ausgeschnitten. Für diejenigen Tiere, die sich nicht beschlagen lassen wollten, war im Hof ein sogenannter „Tiernotstand“, in dem die zu bearbeitenden Füße der Tiere fixiert wurden damit man sie beschlagen bzw. die Hufen ausschneiden konnte. Ferner wurden Pflugscharen und Werkzeuge (Äxte, „Pfohlhob“) ausgetrieben und geschärft, Sensen und Sichel gedengelt, sowie alle Eisenteile, die für die Herstellung von Kasten- bzw. Leiterwagen erforderlich waren, gefertigt. Miterbauer des Hauses (s. Foto links, Personen sind derzeit nicht bekannt) war Ferdinand Lang, ebenfalls Schmied, der von 1930 – 1933 Bürgermeister in Weiher war.

Im Haus Nr. 26 befand sich die „erste Spedition“ in Weiher. Nikolaus Meister fuhr mit seinem Fuhrwerk nach dem zweiten Weltkrieg auf den Wochenmarkt nach Bruchsal, daher der Name „Wochermarktbauers“. Außerdem stellte er mit der Bahn angekommene Sachen den Empfängern in Weiher zu und arbeitete in Lohnarbeit für Kleinbauern, die keine Zugtiere hatten.

Von 1998 bis 2012 betrieb Waldemar Buro eine Reparaturwerkstatt für Fahrräder und Motorräder. Er ist Gründungsmitglied des Fördervereins „FC Weiher“, der am 1. Juli 2005 aus der Taufe gehoben wurde.

Im Haus Nr. 28 wohnte der Landwirt Josef Becker („s‘Baurerführers“). Dort haben viele Kinder aus der Brunnenstraße in der Landwirtschaft mitgeholfen, z.B. die Gäule geführt oder Tabakballen auf den „Schopfer“ getragen. Dafür bekamen sie am Abend ein kostenloses Essen und Milch. Zusammen mit den Gäulen anderer Bauern räumte er die Straßen von Schnee mit einem Bahnschlitten (Schneepflug) frei. Um den Bahnschlitten zu beschweren durften die Kinder sich auf diesen setzen.

Ehemalige Zigarrenfabrik Herbst 1994
Foto: Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V.

Die Zigarrenfabrik „August Neuhaus, Schwetzingen“, Filiale der Zigarrenfabrik „August Neuhaus & Cie, Schwetzingen“, befand sich bis 1976 im Haus Nr. 32 (s. Foto, vorne die Werkswohnung von Werkmeister Karl Stellrecht). Im Keller der Zigarrenfabrik befand sich auch ein Luftschutzraum. Nach der Zigarrenfabrik waren in dem Gebäude von 15. März 1976 bis 28. September 1979 die Firma Werner Keese (Kabelkonfektion) und danach bis 1. Januar 1984 die Firma Hermann Heger, Nudelproduktion. Am 1. März 1995 wurde diese Firma an Georg Heger verkauft. Wie lange diese Firma in dem Gebäude war, ist nicht bekannt. Im Jahr 2000 wurde das Fabrikareal auf Beschluss des Gemeinderates einer Wohnbebauung zugeführt.

Fronleichnam 1965 Altar Brunnenstr.
Foto: Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V.

Bei den früheren Fronleichnamsprozessionen stand auf der Höhe der Häuser Nr. 27 und 30 mitten auf der Straße ein Fronleichnamsaltar, sodass dann die Prozession links durch das „Gängel“ zur Schulstraße abbog (s. Foto). Über Jahrzehnte hinweg hat die Familie Alfred und Marie Simon geb. Bader unter Mithilfe der ganzen Nachbarschaft diesen Altar ehrenamtlich aufgebaut und geschmückt.

Im Zeitraum von 1984 bis 2007 war im Haus Nr. 34, das 1867 erbaut wurde, die Obst- und Gemüsehandlung Blumhofer.

Im Haus Nr. 36 befand sich nach dem zweiten Weltkrieg bis 1961 die Schneiderei von Ludwig Gärtner, an dessen „Schneidersitz“ auf seinem Tisch und die großen Schere sich noch viele Zeitzeugen erinnern können.

Brunnenstr. 38 Altratschreiber u. Jäger Eduard Simon
Foto: Archiv Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V.

Das Haus Nr. 38 wurde 1896 von Eduard Simon (geb. 1871), der Jäger und 25 Jahre lang Ratschreiber der Gemeinde Weiher war, erbaut (s. Foto links).

Im Hof von Haus Nr. 40 erinnert noch heute eine Tafel an den Scheunenbrand mit der Aufschrift „Abgebrant d. Blitzschlag. Aufgebaut durch Luise Gärtner. MCMXXXXXII“. Drei nebeneinander stehende Scheunen (Haus Nr. 38, 40 und 42) brannten als 1952 der Blitz in die Scheune von Franz Holzer einschlug.

Im Haus Nr. 42 wohnte Franz Holzer („Groß Franz“), der bis zur Fertigstellung der Leichenhalle im Jahr 1969 jedem Leichenzug, der damals noch vom Wohnhaus der oder des Verstorbenen aus begann, mit der schwarzen großen Beerdigungsfahne (Trauerbanner) voranging.

Im Haus Nr. 48 wohnt Maria Zimmermann geb. Gutgesell. Sie ist Mitbegründerin des im Jahr 1973 entstandenen Gymnastikclubs Weiher (GCW). Ihr verstorbener Mann, Richard, war in den 60er Jahren einer der besten Halbschwergewichtsboxer in Baden beim Box Club 1954 Mingolsheim Kronau e.V.

Der Erbauer des Hauses Nr. 50, Eduard Herzog, war Zimmermann und führte als Meister, wie damals üblich, im Hof, Schuppen und in der Scheune ein Zimmergeschäft. In diesem Haus hat von 1949 bis 1964 Erhard Kritzer, als aktives Mitglied und Ausbilder im Musikverein Weiher, zusammen mit seinem Sohn Helmut, ehrenamtlich viele Jungmusiker an den verschiedensten Instrumenten ausgebildet. Helmut Kritzer, Enkel des Erbauers dieses Hauses, war von 1986 – 2010 Bürgermeister der Gemeinde Ubstadt-Weiher und wurde 2010 zum Ehrenbürger von Ubstadt-Weiher ernannt.

In dem 1931 erbauten Haus Nr. 52 befindet sich heute die Autosattlerei Peter Roganov.

Im Haus Nr. 56 wohnte Richard Holzer, der Gründungsmitglied des FC Weiher 1945 e.V. war.

Im Haus Nr. 58 war nach Aussagen von Zeitzeugen die Zigarrenfabrik „Max Eichtersheimer“ aus Bretten. In welchem Zeitraum sie sich darin befand, ist bis jetzt nicht zu erforschen. Danach war im Haus die Fabrik „Klaiber, Kehr & Co Zigarrenfabriken“. Im Keller des Hauses befand sich ab etwa 1942 bis 1. April 1945 ein Rüstungsbetrieb, der vor der Weiherer Bevölkerung geheim gehalten wurde. Dieser Betrieb wurde unter dem Tarn-Firmennamen „Klaiber, Kehr & Co Zigarrenfabriken“ geführt und stellte Teile für Schiffsarmaturen für U-Boote mit großen Stanzmaschinen her.

Von 1947 – 1966 war die Firma UMAG (Ubstadter Maschinen AG, Inhaber Heinrich Zeidler) im Haus Nr. 58 ansässig, die Schleifmaschinen und Drehbänke herstellte. Viele Weiherer waren dort Lehrlinge. Für die Firma Großmann, die ebenfalls in dem Haus untergebracht war, wurden Gußformen für Porzellanartikel hergestellt.

Danach kam die Firma Alfred Lampert, Kanal- und Rohrreinigung. Sie wird seit 1994 von seinem Sohn Dieter weitergeführt.

Der Hausmetzger Josef Erbrecht wohnte im Haus Nr. 60.

Im Haus Nr. 62 wohnte der Fuhrunternehmer Richard Böser, der von 1947 bis 1952 ein Fuhrunternehmen mit einem Holzvergaser-Lkw betrieb. 1952 verlegte er seinen Wohnsitz nach Forst und gründete dort eine Speditionsfirma. Des Weiteren wohnte hier ab 1950 Revierförster Stach Otto Lopianecki bis zu seinem Umzug ins neue Forsthaus. Stach Lopianecki war von 1950 bis zu seinem Tod im Jahr 1975 Revierförster in Weiher.

Im Haus Nr. 62 wohnte auch Wolfgang Hirschberger, Gründungsmitglied des am
16. Juni 1993 entstandenen Fördervereins des MGV 1876 Weiher e.V. Er ist außerdem Gründungsmitglied des am 1. April 1994 formierten Fördervereins des Musikvereins 1900 e.V. Weiher.

 

Ungerade Hausnummern

Von 1930 bis 1945 befand sich im Haus Nr. 1 (heute Hauptstraße Nr. 71) die Schneiderwerkstatt von Alfons Barth. Dessen Großvater Leopold Barth war bis etwa 1900 Waldschütz in Weiher.

Das „Gasthaus zur Rose“ im Haus Nr. 3 (heute Hauptstraße 73) wurde in den Jahren 1866/67 von Josef Gärtner erbaut. Gleichzeitig zog eine Brauerei mit ein. Hinter dem Haus war der Eiskeller untergebracht zur Herstellung und Kühlung des Bieres. Bepflanzt war der Hügel des Eiskellers mit Eichen. Um 1925/26 wurde der Eiskeller mit Bauschutt verfüllt. Der Eiskeller soll 30 Meter lang gewesen sein. Heute sind noch ca. 10 Meter vorhanden. Der Eingang ist inzwischen zugemauert. Im Jahr 1925 wurde das Brauereigeschäft aufgegeben und an die Brauerei „Sinner-Bier“ verpachtet. Nach dem Wegfall des Eiskellers baute man ein Nebengebäude mit Wurst- und Waschküche, die Kegelbahn und darüber im 1. Obergeschoß den Tanz- und Versammlungssaal. Der Wirt hatte sich mit diesem Bau übernommen und musste 1929 aufgeben. Bis 1931 waren 5 Wirte auf dem Gasthaus bis dann Ludwig Kneller und seine Frau Maria geb. Staudt die „Rose“ übernommen und es im Jahr 1937 gekauft haben.

Brunnenstr. 3 Gasthaus zur Rose 1953
Foto: Archiv Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V.

(Das Foto von 1953 zeigt von links beginnend: Edgar Kneller, Maria Kneller geb. Staudt, Ludwig Kneller jun., Ludwig Kneller sen. und Wilhelm Kneller.) Im Zusammenhang mit den von Karlheinz Mayer geführten Gesprächen hinsichtlich des unveröffentlichten Manuskripts über die Geschichte der Weiherer Brunnenstraße von 1991 „Ansichten einer Straße – die Brunnenstraße in Weiher – eine kleine Chronik“ hat ihm deren Sohn Willi Kneller mitgeteilt, dass in den Jahren 1937 – 1939 dem Gasthaus zugutekam, dass der Saal von der NS-Bewegung „Kraft durch Freude“ (KdF) für die unterschiedlichsten Veranstaltungen benutzt wurde. In diesem Saal erfolgte 1945 durch die US-Militärregierung die erste Filmvorführung über die Befreiung der inhaftierten Menschen aus den Konzentrationslagern. Ab 1949 wurde der Theater-, Tanz- und Versammlungssaal als Kino benutzt. Nach dem Tod von Ludwig Kneller sen. im Jahr 1955 wurde das Gasthaus von seiner Frau Maria weiterbetrieben und von Sohn und Schwiegertochter unterstützt. 1965 kam dann das Aus für das Kino. In dem Saal waren dann ab 1. Juli 1973 die Diskotheken der „Markees-Club“, später dann das „Mirage“ untergebracht. Das endgültige Aus für das „Gasthaus zur Rose“ kam dann im Jahr 1968. Die Besitzer bauten dann die Gasträume zu Wohnraum um.

Während der Besatzungszeit 1945 wurde für die amerikanischen Soldaten in der „Rose“ eine Verpflegungsstelle, anstatt einer Feldküche, eingerichtet. Die Kinder konnten dort Süssigkeiten und Kaugummi gegen frische Eier oder Gemüse eintauschen.

Anfang der 50er Jahren befand sich dort auch die „Anmeldestelle“ wenn ein Besuch von Hausarzt Dr. Georg Mayer aus Unteröwisheim benötigt wurde.

Brunnenstr. 5
Foto: Archiv Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V.

Im Haus Nr. 5 (heute Hauptstraße Nr. 75) wohnte der Hausmetzger August Prestel. Sein Sohn August hatte in diesem Haus ein Friseurgeschäft. Der andere Sohn, Hermann, hatte in Weiher in der Ritterstraße ein Malergeschäft, das er 1959 seinem Schwiegersohn, Malermeister Helmut Brecht, übergeben hat. Dieser führte den Betrieb, der sechs Arbeiter aus Weiher (zeitweise sogar bis 14 Arbeiter) beschäftigte, bis zu seinem tödlichen Unfall im Mai 1974 im gleichen Haus weiter. Zeitzeugen erinnern sich an die schönen Bühnenbilder, die er für Tanzveranstaltungen in der Turnhalle in Weiher ehrenamtlich gestaltet hat. Nach dem Krieg war in dem Haus auch ein Sattlergeschäft von Franz Hagenmeier aus Ubstadt. In das inzwischen neu gebaute Haus Nr. 5 (s. Foto) zog 1968 die Sparkasse Bruchsal-Bretten. Heute befindet sich diese in der Hauptstr. Nr. 79, Goldschmiede Schinko.

Im Haus Nr. 5 war außerdem kurz nach dem 2. Weltkrieg ein Polizeiposten, der aber nach nur 6 Monaten nach Ubstadt verlegt wurde, weil dort ein weitaus größeres Verkehrsaufkommen als in Weiher war.

Brunnenstr 7 Valentin Becker und Enkel Otto Gärtner
Foto: Archiv Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V.

Im Haus Nr. 7 (heute Hauptstraße 77) befand sich noch bis 1940 ein Lebensmittelhandel mit Zucker, Salz, Mehl, Essig, Öl etc. (s. Foto links).

Das Haus Nr. 7a wurde erst ca. 1955 von Hermann Gärtner erbaut. Das Grundstück gehörte zum Anwesen Nr. 7 und war ein Garten. In diesen Garten hat am 1. April 1945, an einem Ostersonntag, eine von deutscher Artillerie abgefeuerte Granate eingeschlagen, wobei durch einen Splitter der Nachbar vom Haus Nr. 9, Karl Bellm, getötet wurde, als er gerade sein Haus verlassen wollte, um im Stall seine Tiere zu füttern.

Hebamme Elisabeth Bellm, Maria Walter, Lothar Gärtner Brunnenstr 9
Foto: Archiv Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V.

In dem 1866 erbauten Haus Nr. 9 wohnte die Hebamme Elisabeth Bellm geb. Holzer („Liset-Bas“). Sie war ab ca. 1895 bis nach dem 2. Weltkrieg als Hebamme in Weiher und zur Aushilfe auch in Stettfeld und Ubstadt tätig und brachte über 2000 Kinder in Hausgeburten mit zur Welt (s. Foto links, Frau mit Kopfbedeckung. Der kleine Junge ist der frühere Ortsbaumeister Lothar Gärtner). Ihr Ehemann Karl Bellm starb auf der Treppe seines Hauses am 1. April 1945 durch einen Granatsplitter (s. Beschreibung bei Haus Nr. 7a).

Im Hof des Anwesens befindet sich ein Kleindenkmal in Form eines gemauerten ca. 6 Meter tiefen und 85 cm breiten Ziehbrunnens aus der Zeit um 1866.

Im Haus Nr. 13, das 1866 erbaut wurde, wohnte Franz Becker. Er war Gründungsmitglied des FC 1945 Weiher e.V. Seine Schwester, Elisabeth Gärtner geb. Becker („Schülerspeis-Elis“), war eine der zwei Frauen, die nach dem Krieg für die Schülerspeisung in Weiher zuständig waren. Ihr Sohn, Franz Gärtner („Hako-Franz“), ist Mitbegründer der Hakorennszene und der Hakofreunde Weiher 2007 e.V.

Im Haus Nr. 15 wohnte der Fleischbeschauer Bernhard Herzog („Fleischbschauers“). Er war von 1948 bis 1988 zuständig für alle Hausschlachtungen in Weiher. Er war Mitbegründer des FC Weiher 1945 e.V. und aktiver Mannschaftsspieler, obwohl er im Krieg einen Arm verlor. Auch war er Mitbegründer des Reise-Taubenvereins Heimkehr, der am 1. April 1959 aus der Taufe gehoben wurde. Die am Haus angebrachte Hausnische zeigt die Muttergottes mit Jesuskind.

Am Haus Nr. 17 befindet sich ebenfalls ein Kleindenkmal. In der Hausnische steht eine Jesusstatue.

Aus dem Haus Nr. 19 stammt die Ordensschwester Gaudiosa (Alma Heneka 1909 – 1970) vom Orden der Franziskanerinnen vom Göttlichen Herzen Jesu in Gengenbach. Von 1960 bis 1979 war in diesem Haus eine Kelterei. Zuerst als Most-, später als Most- und Weinkelterei.

Der Waldschütz August Wiesenmeier wohnte im Haus Nr. 21.

Im Haus Nr. 21A befand sich die Firma Ludwig Emil Belle, Transport von Güterverkehr von 1. Januar 2000 bis 30. Juni 2005.

Im Haus Nr. 25 wohnte Anfang der 1920er Jahren der Friseur Josef Hirlanda („Landa-Seppl“). Zeitzeugen erinnern sich, wie er noch in den 40er Jahren Kindern unter dem großen Birnbaum in seinem Hof mit einer großen einfachen Schere die Haare schnitt und es dadurch oft ziemlich weh tat. Der Haarschnitt kostete 10 Pfennige. Für 5 Pfennige konnte man sich bei ihm ein Fläschchen Haaröl kaufen. Damals brachte man noch ein leeres Fläschchen mit.

Im Haus Nr. 27 wohnte der 1890 geborene Emil Meister („Blinner Emil“). Er kam vom 1. Weltkrieg blind zurück. Er erlernte das Korbflechten, konnte damit aber die Familie nicht ernähren. Später fuhr er dann mit seinem Pferdefuhrwerk (immer mit Begleitperson) Holzstämme bis nach Mannheim, wie schon vor dem 1. Weltkrieg, als er zusammen mit seinem Vater Augustin Meister Hopfen zu Brauereien nach Mannheim gefahren hatte. Nachdem der Tabakanbau in Weiher florierte, gründete er eine „Ziggaquetsch“ (Haus-Zigarren-Industrie), die zunächst im Vorderhaus, ab 1952 im Anbau des Hauses Nr. 27, Tabak verarbeitete. Es waren bis Mitte der 50er Jahre bis zu sechs Helferinnen beschäftigt. Im Haus wohnt heute Karlheinz Mayer, der Gründungsmitglied der Hakofreunde Weiher e.V. ist. In den ehemaligen Werkräumen befindet sich das Reisebüro „ReiseAkzente“ seiner Tochter Dagmar Luig.

Das Haus Nr. 27a entstand durch Teilung des Anwesens Nr. 27. Heute ist die Firma Thomas Schnell (IT-Solution Schnell, Hard und Software) in den Räumlichkeiten.

Ein Haus Nr. 29 gibt es nicht, weil es durch die Zusammenlegung mit dem Grundstück Nr. 27 entfiel.

Mitte der 20iger Jahre befand sich im Haus Nr. 33 für kurze Zeit eine Blechnerei, die Eduard Simon II gehörte. Im selben Haus wohnte dessen Schwiegermutter Maria Böser geb. Neuthard. Sie war in den 20er Jahren Strickschullehrerin in Weiher. Von daher kommt auch die Bezeichnung „Schtrickers“.

Leonhard Kirstein („Lende“) wohnte im Haus Nr. 37. Eines schönen Sonntags, am 1. September 1945, nahm er mehrere sportbegeisterte Jungen zusammen und startete nach Kronau zum ersten Fußballspiel. Der Anfang für die Vereinsgründung des FC Weiher war gemacht.

Brunnen 39 Laden Simon
Foto: Archiv Heimatverein Ubstadt-Weiher e.V.

Im Haus Nr. 39 wohnte der gelernte Bäcker und Kaufmann Paul Simon II. Er betrieb zusammen mit seiner Frau Monika einen Kolonialwaren-Laden (Edeka-Geschäft). Geworben hat er im Jahr 1961 mit dem Spruch: “Will die Hausfrau kluge sein, kauft sie nur bei Edeka ein“. Zeitzeugen berichten, dass seine bekannte Großzügigkeit auch darin zum Ausdruck kam, dass er gerne, wenn Kinder an sein Fenster klopften, „Gutselen“ über sie regnen ließ. Vom Hof des Anwesens Nr. 39 ging ein schmaler Fußweg durch den Garten direkt zur Schulstraße.

Im Haus Nr. 41 wohnte von 1926 – 1950 Ludwig Simon, der von 1954 – 1969 Bürgermeister von Weiher war. Ab 1970 war er durch Fusionierung Bürgermeister der Gemeinde Ubstadt-Weiher, zu der 1971 Stettfeld und 1972 Zeutern dazu kamen. Er war hochdekoriert mit dem Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz, der höchsten deutschen Tapferkeitsauszeichnung im 2. Weltkrieg, das ihm am 5.März 1945 verliehen wurde. Außerdem war er Gründungsmitglied des FC Weiher 1945 e.V. und Ehrenbürger der Gemeinde Ubstadt-Weiher. Später zog er in sein Haus in der Hirschstraße.

Ebenfalls im Haus Nr. 41 wurde 1960 der Pallottinerpater Hans-Peter Becker geboren. Er wurde 1989 zum Priester geweiht. Hans-Peter Becker SAC (Gesellschaft des Katholischen Apostolates (lateinisch Societas Apostolatus Catholici) war erster gemeinsamer Provinzial der Vereinigten Pallottinerprovinz für Deutschland und Österreich.

Im Haus Nr. 43 wohnte der Wagner Gregor Bellm. Er fertigte u.a. Leiter- bzw. Kastenwagen, Wagenräder, Sprossenleitern, Hackklötze, Rechen und reparierte diese auch. Die Holzwagen brachte er dann zum „Heneka-Schmid“, der dann alle Eisenteile an den Wagen anbrachte. Sein Sohn Adolf führte das Geschäft von seinem Vater bis Dezember 1970 weiter.

Im Haus Nr. 45 war die Schuhmacherei von Anton Gärtner II. In seiner Werkstatt haben sich oft die Kinder der Brunnenstraße aufgehalten und aufgewärmt. Weil kein Geld für Kickschuhe vorhanden war, hat er den Buben auf die Sohlen ihrer normalen Schuhe Lederriemchen angebracht, damit sie mit diesen dann besser Fußball spielen konnten.

Im Haus Nr. 47 befand sich von 1959 – 1965 die Laufmaschenreperaturwerkstätte für Nylonstrümpfe von Emma Becker geb. Gärtner („Strumpf-Emma“). Damals kostete die Reparatur einer Laufmasche 10 Pfennige und das Paar Damennylonstrümpfe 4,00 – 9,00 DM.

Der einen Fahrradhandel und die dazugehörige Reparaturwerkstatt Klinger gab es von 1982 bis 1991 im Haus Nr. 51.

Im Haus Nr. 55 wohnte der Hausmetzger Albert Bader („Metzger Albert“) sowie sein Sohn Johann, der ebenfalls Hausschlachtungen durchführte.

 

Quellenangaben
Aufrechnungsbescheinigung über die Arbeiter-Rentenversicherung im Rüstungsbetrieb in der Brunnenstraße von 1944.
Festschrift anlässlich der Fahnenweihe zum 85jährigen Stiftungsfest des Männergesangverein 1876 e.V. Weiher vom 10. – 12. Juni 1961.
Gemeindearchiv Weiher Abtl. A, Nr. 5: „XVII. Straßen, Wege und Eisenbahnen“, 1876.
Gemeindearchiv Weiher Abtl. A: „II. Bau- und Feuerpolizei. 1. Bauwesen“, 1900.
Gewerberegister der Gemeinde Ubstadt-Weiher.
„Geschichte des Dorfes und der Gemeinde Weiher am Bruhrain“, Dr. Günther Haselier (1962).
„Kreis-Adreßbuch Bruchsal. Vollständiges Verzeichnis der Behörden, der selbständigen Einwohner von Gewerbe, Industrie und Handel in Stadt und Landkreis Bruchsal“, Ausgabe 1950/1951.
Unveröffentlichtes Manuskript über die Geschichte der Weiherer Brunnenstraße von 1991 „Ansichten einer Straße – die Brunnenstraße in Weiher – eine kleine Chronik“, Karlheinz Mayer, Weiher.

Evtl. weitere belegbare Hinweise zu den Ausführungen nehmen Emil Machauer (Tel.Nr. 07251/62203) oder Ursula Hohl (Tel.Nr.: 07251/60469), gerne entgegen.

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